In den letzten Wochen hatte ich Zeit, alle Zeit der Welt. Ohne Kinder, ohne Lola. Ich hätte große Sprünge machen können, alleine den ganzen Jakobsweg wandern können. Durch die Türkei reisen. Oder mein neues Lola Buch druckfertig schreiben können.
Aber ich hatte nicht den Elan. Nicht die Kraft. Nicht das klare innere Bild in mir, wie es aussehen sollte. Und ich pendelte hin und her zwischen unserem Garten, dem Cospuender See und unserer Wohnung. Wechselte zwischen dem Gesang der Amseln und dem abendblauen Himmel unter unserm Kirschbaum, einfach nur sitzend und atmend. Und dem konzentriertem Schreiben an meiner Rohfassung über Lolas Schulzeit. Traf mich mit alten Freunden, ging ins Freiluftkino. Sprang wieder und wieder in den Cossi, lag lesend am Strand. Zeitlose Stunden eigentlich, aber eine rechte Sommerstimmung wie ich sie von anderen Sommern kannte, kam nicht auf.
In meinem Kopf ratterten Gedanken, wie Züge, die nie anhielten. Jedensfalls nie da, wo sie meinem Plan gemäß halten sollten. Alte Erinnerungen der letzten Jahre tauchten auf, unvermutet. Verdrängte Gefühle von Alleinsein, Traurigkeit, Hilflosigkeit. Ein tiefer Schmerz, verlassen zu sein.
Ohne die festen Strukturen und Geländer des Alltagslebens, ohne die lebensfrohe und quirlige Art der Kinder, die natürlich viel von mir fordern, aber immer auch Ideen, Lebensenergie und Lachen schenken, fühlte ich mich an vielen Tagen einfach nur verloren und einsam.
Selbst wenn ich Freunde sah, oder mit ihnen telefonierte, Bekannte am Strand traf, blieb eine tiefe Melancholie zurück - trotz aller Hitzetemperaturen. Das Gefühl einer großen dunklen Wolke, die alles vernebelt und vor mir und meiner Zukunft steht.
"Das sind alles Symptome einer Depression", sagte mir eine Freundin, als ich ihr klitzeklein jede noch so kleine Missstimmigkeit meiner Tage darlegte, mit ihrem psychologischen Sachverstand.
"Ne, also, ne depressive Verstimmung vielleicht", sagte ich abwehrend. Erschreckt, dass ich ihr gegenüber wohl doch zu ehrlich und auch dramatisch gewesen war, an diesem innerlich besonders grauen Tag. Aber doch ein kleiner Warnschuss. Denn ich merkte, wie ich mich doch hineingesteigert hatte in meine eigene Missempfindungen.
Oder hatte ich mich doch zu ehrgeizig in meine Schreibprojekte hineingestürzt? Mir selber zu viel Druck gemacht? Anstatt einfach ein bisschen in den Tag zu leben, meiner eigenen Energie zu folgen und - zu entspannen. Als müsste ich jemandem etwas beweisen.
Vielleicht fehlte mir auch nur einfach ein lieber Mensch an meiner Seite. Denn solange die Kinder da sind, habe ich genug zu tun und bin nicht allein. Aber in diesem langen Sommer alleine merkte ich doch schmerzlich, dass der Mensch nicht für's Alleineleben gemacht ist, zumindest nicht dauerhaft. Und ich erst recht nicht. Sozial und aufgeschlossen wie ich bin.
Und ich kam viel zu viel ins Denken und Grübeln und Erinnern, auch alter Gefühle. Die sich - endlich war ja Zeit dafür, auf einmal zeigten. Mit aller Macht der nicht gefühlten Gefühle, die gefühlt werden wollen. Wie kleine quengelige Kinder. Mich ihnen ganz zu öffnen, gelang mir manchmal. Sie in kleine Geschichten zu verwandeln, in anderen Momenten.
Aber der Trübsinn blieb wie ein feiner Schleier, der die Sicht versperrt. Auch wenn der Garten, das Zeichnen, Gitarre spielen, auch mal tanzen und singen, kurzfristig halfen. Echte Lebensfreude sieht anders aus. Als würde es mir an einem grossen 'Wofür' fehlen, dem Sinn.
Heute Nachmittag hingegen, nachdem ich mit Lola spontan zum Cossi geradelt war, um dort ein Eis zu essen und kurz in den See zu springen, spürte ich auf der Rückfahrt mit dem Tandem auf einmal den übermächtige Wunsch und auch WILLEN, endlich wieder glücklich zu sein.
Und statt wie bisher auf Glück und die Erfüllung meiner Wünsche zu hoffen, stelllte ich mir - während ich kräftig in die Pedale trat und mir den Schweiß den Rücken hinablief - einfach vor, sie seien alle in Erfüllung gegangen. Und ich wäre gerade überglücklich!
Meine Mundwinkel zogen sich nach oben. Und ich spürte das überschäumende Gefühl, frisch verliebt zu sein. Spürte die Vorfreude auf einen lieben Menschen, der gerade mit einem frisch gebackenen Kirschkuchen auf mich wartet und mir gestern einen Heiratsantrag gemacht hat. Und was für eine Freude durchströmte mich auf einmal :-)
Gerade letzte Woche hatte ich in einem Buch über 'Focusing' gelesen, dass der Körper zwischen Realität und Vorstellung nicht unterscheiden kann. Wenn ich mir etwas fest genug vorstelle, werden im Körper und Gehirn diesselben Stoffe ausgeschüttet, als hätte ich es wirklich erlebt. Stelle ich mir vor, dass ich gerade in einem Preisausschreiben gewonnen habe, oder eben verliebt bin, werden Glückshormone ausgeschüttet. Denke ich daran, gerade jemanden verloren zu haben, empfinde ich tiefe Trauer und der Körper reagiert mit dementsprechenden Symptomen.
So hatte ich gelesen, und mich weiter in meinen traurigen Gedanken gesuhlt. Mich weiter reflexhaft an Vorstellungen und Erinnerungen von Einsamkeit, Schmerz und Verlusten geklammert.
Doch heute Nachmittag, wie aus dem Nichts, drehte ich ich einfach den Spieß um. Und stellte mir grosses Glück, Vorfreude und Verliebtheit vor. Und es fühlte sich hundertmal besser an. Wirklich 'real' war weder das eine noch das andere.
Und ach, wie beschwingt radelte ich mit Lola auf dem Tandem durch die Strassen, im warmen, gerade noch August-Wind. Empfand solch eine Freude, lächelte mir bekannten und unbekannten Menschen zu, plauderte fröhlich mit Passanten. Und alles machte auf einmal einen großen 'Sinn'.
Ich brauchte gar nicht mehr zu hoffen, zu warten, mich anzustrengen. Das Glück legte sich einfach vor mir auf die Strasse - erfüllte mein Herz. Einfach so!
Und da lachte mir aus einer der Bücherverschenkekisten auf einmal der Titel eines Buches entgegen. '101 Essays that will change the way you think". Schwarze Schrift auf weißem Cover. Nur diese Zeile. Und schwupps, zog ich es raus, selbst gegen Lolas heftigen Protest, die schnell nach Hause wollte.
Und während aus Lolas Zimmer lauteste Musik und Partybrülle dröhnten, saß ich tiefenentspannt im blauen Abendlicht auf dem Balkon und las über das soeben erlebte Phänomen. Dass Glück oder Leid auch eine Entscheidung sind, die man trifft. Und dass man sich oft leider vom Glückserleben abschneidet, weil man glaubt, man verdiene es nicht einfach so, würde faul dadurch werden, bei anderen Neid erwecken, etc. Und sabotiere sich selbst, erlaube sich das Glück nicht.
Es war heute auf jeden Fall eine wunderschöne Erfahrung, diese starke tiefe Lebensfreude zu spüren, die in jeder Zelle prickelt und nach mehr ruft, und die Stadt in rosagelbes Licht taucht. Einzig und alleine erzeugt durch meine Entscheidung. Die Mundwinkel hochzuziehen und mir vorzustellen, ich sei glücklich (verliebt), und diese starken Gefühle einfach durch mich pulsieren zu lassen.
Was für ein Glück!



























