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Sonntag, 3. November 2024

Mädelstrip nach Berlin und ans Märkische Meer

Hier noch ein kleiner Rückblick von unserm Herbst-Mädelstrip nach Berlin und Brandenburg. Lola, Greta und ich waren mal ganz alleine unterwegs, für fünf ganze Tage. Soooo schön!

Nachdem Lola von drei Wochen Sozialpraktikum zurück war, und Greta von einem zweimonatigen Interrail Trip durch Spanien, Portugal und Italien, hatte ich die Idee, mal ganz alleine mit den beiden ein paar Tage Urlaub zu machen. 

Ich wäre ja auch nach Italien gefahren. Aber da Greta da grade herkam, und ein Freund in Berlin seinen 50. Geburtstag feierte, dachte ich: Warum nicht Berlin? Und danach noch ein paar Tage 'Wandern' im Berliner Umland.

Und nach der grossen Geburstags-Party am Samstag besuchten wir am Sonntag noch ein paar alte Freunde in Berlin, die ich sage und schreibe 20 Jahre nicht gesehen hatte (!!!). Wir trafen uns um 11 Uhr zum Frühstück in ihrer Wohnung am Spreebogen und saßen dann gefühlt den Rest des Tages am Frühstückstisch und quatschten und quatschten und quatschten. So wie 'früher'... 

 Erinnerten uns an unser altes Haus in der Mühsamstrasse im Friedrichshain, mit Kohleofen und Außenklos und meiner Dusche in der Küche. An M's erste Wohnung am Ostkreuz, mit Alufolie an den Küchenwänden (als Deko) und den verlassenen Strassen, über die ab und an ein altes Auto holperte. An die 'Tagung', die damals noch einzige Bar in der Wühlischstrasse. Und an den Geruch von Kohle in der Luft, wenn es draussen kalt wurde. Es war eine Zeitreise in die 90er Jahre in Berlin, und die Mädels lauschten mit großen Ohren. Ich hatte das Gefühl, aus einer 'anderen Zeit' zu erzählen.


Am Montag erkundeten wir noch den Prenzlauerberg, wo sich am Kollwitzplatz mittlerweile eine schicke Bar an die nächste reiht, neben unzähligen Design-, Antiquitäten- und Bioläden. Aber in den abgelegeneren Strassen fand ich dennoch einen Hauch des alten Lebensgefühls wieder. Beim Anblick der letzten, vereinzelten geschwärzten, bröckelnden Fassaden, kamen Erinnerungen zurück an damals, an die ersten improvisierten Bars mit Pappmachee-Figuren und ausgesessenen Ledersofas, Parties in leerstehenden Kellern oder der 'Freitagsbar', erreichbar durch schneebedeckte Innenhöfe hindurch, von einer Kette von Teelichtern ausgeleuchtet. 
 
Es war eine kleine Zeitreise für mich, in meine ''Studentenjahre' in Berlin, wo ich 1998 hinzog, damals nur wenig älter als meine Töchter jetzt. Gefühlt erst gestern, und doch in einer anderen Zeit. Fast wie in einem anderen Land. 

Wenn Greta darüber nachdenkt, wo sie studieren könnte, fällt Berlin meist sofort aus. Viel zu teuer, unbezahlbar die Wohnugen, wenn man überhaupt eine findet. Was für ein Glück hatten wir, damals dort leben zu können. In dieser Zeit des Um- und Aufbruchs, wo alles möglich schien.


Doch nach diesem Tag im Prenzlberg taten uns irgendwann die Füße weh, vom vielen Laufen über Kopfsteinpflaster, und wir fuhren weiter, nach Brandenburg, wo ich direkt am Scharmützelsee eine Ferienwohnung gefunden hatte.

Und die folgenden drei Tage wanderten wir bei herrlichstem Sonnenwetter am 'Märkischen Meer' entlang...

 

Durch ausgedehnte Nadel und Mischwälder, ....

 

Gingen nach Bad Saarow in die Therme ....

Wanderten am Storkower See entlang....


Umrundeten den Glubik- und den Springsee...



Und verbrachten die Abende gemütlich in unserer Ferienwohnung über dem 'Atelierhaus' in Wendisch-Rietz. Kochten lecker, spielten Scrabble (woran Lola riesig Spass hatte) oder chillten lesend auf dem Sofa. 

Welch herrliche Tage! Danke dafür!

Donnerstag, 29. August 2024

Wie früher!

 Pavel kam gestern ganz stolz vom Klavierunterricht zurück. Nicht etwa über sein schönes Klavierspiel. Nein, er war nach dem Unterricht noch bei der neuen Supermarktkette ‚Mein Angebot‘ und hat dort einen Müllerjoghurt gekauft, mit dieser abknickbaren Ecke mit Knuspermüsli, die er früher so gerne mochte. Ganz stolz erzählt er, dass er dafür nur 49 Cent ausgegeben hat! „Das erinnert mich irgendwie an meine Kindheit“, fügt er fast nostalgisch hinzu“, „als alles noch so billig war“. Und ich muss lachen, wie er als 12 – Jähriger über seine so lange zurückliegende Kindheit nachdenkt. 

Am Nachmittag im Konsum entdeckt Pavel denselben Müllerjoghurt im Kühlregal: für 1,09 Euro. Mehr als das Doppelte. Er hat also 60 Cent gespart, rechnet er mir triumphierend vor.  

Gar kein Joghurt wäre noch günstiger gewesen, denke ich leise für mich. Und frage mich, ob ich die Kinder weniger an meinen aktuellen Sparvorhaben teilhaben lassen sollte. Mit denen wir zwar im Vergleich zu alternativen Käufen sparen (zu anderen Zeiten, an anderen Orten, anderer Produkte), aber netto doch einfach wieder nur eins machen: Geld ausgeben.

Donnerstag, 22. August 2024

Schöner leben – ach Du liebes Geld.

 Ich habe mir diese Woche vorgenommen, bewusster mit meinem Geld umzugehen. Und will endlich genau wissen, was ich ausgebe, auf den Cent genau. Denn „Geldbewusstsein zu entwickeln“, so steht es im Buch von Petra Bock, ist eine Voraussetzung für höhere Geldeinnahmen.

Gestern Abend habe ich eine Liste meiner Ausgaben der letzten Woche angefertigt. 300 Euro! 75 Euro für Lolas neue Sportschuhe, 20 Euro für einen neuen Wasserhahn im Garten. 150 Euro für Lebensmittel, obwohl ich nur beim discounter kaufe. Und 20 Euro für Eis! Doch ganz schön viel, denke ich. Und nehme mir vor, diese Woche bewusster mit meinen Ausgaben umzugehen und unnötige Käufe zu vermeiden. Und zu schauen, wie viel ich auf diese Weise sparen kann.

Nachdem ich Lola zur Physiotherapie gebracht habe, wo ich sie erst in 45 Minuten wieder abholen muss, bummle ich ziellos die Karli runter und genieße das sommerlich bunte Treiben. Als mir einfällt, dass wir dringend neue Zahncreme brauchen. Ich könnte auch zum Drogeriemarkt Rossmann spazieren, überlege ich. Um ein Ziel zu haben und in der Zwischenzeit noch etwas Sinnvolles zu erledigen. „Aber wirklich nur, um Zahncreme zu kaufen,“ sage ich mir, bevor ich den Laden betrete. Denn ich will ja meine Ausgaben reduzieren. Und diesmal nur eine Tube kaufen, nicht das Doppelpack wie sonst. Denn Meridol ist echt teuer geworden. 4,45 die Tube. Aber sie hilft bei Zahnfleischentzündungen, die muss es sein.

Der Blick auf das Preisschild offenbart: das Doppelpack kostet 7,95. Statt knapp 9 Euro für zwei Tuben, wenn ich sie einzeln kaufe. Ersparnis von 1 Euro. Ich komme ins Nachdenken. Kaufe ich wirklich nur die eine Tube,  spare ich diese Woche zwar 3,50 Euro. Aber in einem Monat muss ich nochmal 4,45 Euro zahlen. Kaufe ich das Doppelpack, gebe ich diese Woche zwar 3,50 Euro mehr aus, habe im nächsten Monat aber keine Ausgabe für Zahnpasta und spare also 4,45 Euro.

Ich spüre ein gewisses Dilemma, angesichts meines Plans diese Woche Ausgaben zu reduzieren. Doch mein ökonomischer Verstand siegt, und ich kaufe die Doppelpackung und spare (zumindest auf den Monat gerechnet) 1 Euro - und den nächsten Gang zum Rossmann.

Mehr kaufe ich jetzt aber nicht, sage ich mir. Und gehe schnurstracks zur Kasse. Als mein Blick an einer Packung leuchtend bunter Microfasertücher hängen bleibt, die mir meine eigenen Mikrofasertücher ins Gedächtnis rufen, die ich seit 12 Jahren benutze. Löchrig, ausgefranst, müffelnd. Die neuen kosten nur 4,45 Euro. Was ich, angesichts einer Nutzungsdauer von mehr als 10 Jahren, als gar nicht so teuer empfinde. Ärgere ich mich nicht seit Wochen über die alten Fetzen? Als wäre ich so arm, dass ich mir keine neuen Wischlappen leisten kann. Und es macht auch keinen Spaß, damit zu putzen. Ich greife schnell zu, bevor ich die Investition anzweifeln kann.

Da sehe ich unten im Regal eine Spülschüssel stehen, genau so eine, wie ich sie vor zwei Jahren mal zum Camping suchte und in keinem Baumarkt fand. Da steht sie, glänzend weiß, für 2,95 Euro. Ein echtes Schnäppchen. Auch wenn wir frühestens im nächsten Sommer wieder campen gehen. Aber dann brauche ich sie. Ich will nicht mehr diese ollen Pappkisten zum Transport des Geschirrs benutzen, die am Ende durchgeweicht sind. Und wieder greife ich schnell zu, bevor ich noch einmal darüber nachdenken kann.

An der Kasse muss ich 17 Euro zahlen. Ein paar super-günstige Schwämme und Maiswaffeln noch inklusive. Ich habe zwar 13 Euro mehr ausgegeben, als eigentlich geplant. Aber so viel neue Lebensqualität in der Tasche und so viel Zeit- und Geldersparnis vor dem nächsten Campingurlaub, denke ich stolz. Jetzt frage ich mir nur, wo ich diese Zusatzausgaben von 13 Euro in DIESER Woche noch einsparen soll?

Aber so viel Geld ist es ja auch wieder nicht. Und nach Petra Bock reicht es doch eigentlich, mir darüber bewusst zu sein, wofür ich es ausgegeben habe. Um die nötigen Geldeinnahmen dann wie von Zauberhand anzuziehen. Wie, das wird sich schon zeigen, denke ich. Und laufe zufrieden die Karli entlang mit einem Beutel voller Dinge, die ich eigentlich gar nicht dringend brauche und auch nicht kaufen wollte.

Vielleicht schicke ich nächstes Mal doch lieber Pavel mit einem 5 Euro Schein los, um Zahnpasta zu holen. Und sonst – nichts!

Dienstag, 20. August 2024

Nimm Dein Handy - und freu Dich dran!

 Seit vier Jahren benutze ich ein altes, mittlerweile schrottiges i-phone SE. Ich kann keine neuen Apps mehr installieren, da ich die Software nie update. Meine Mail-App funktioniert nicht mehr. Der Bildschirm ist mehrfach zersprungen. Mein Routenplaner stürzt ständig ab.

Doch obwohl ich seit Monaten ein nagelneues Samsung-Handy in einer Schublade liegen habe, schaffe ich es nicht, es zu installieren. Es ist ein android. Und der Transfer meiner Kontakte und Fotos vom i-phone scheint mir unmöglich. Und wer weiß, wenn am Ende alles verloren geht und nichts mehr funktioniert? Und das alte i-phone funktioniert doch noch.

Auf der Suche nach neuer Lektüre in meinem Bücherregal fällt mir zufällig das Buch „Nimm das Geld und freu dich dran“ von Petra Bock ins Auge. Und beim Durchblättern stoße ich auf eine Stelle, in der die Autorin davon schreibt, dass es beim Erlernen eines guten Umgangs mit Geld auch um eine neue Haltung zu sich selbst geht. Sich selber ‚liebevoll in den Arm zu nehmen‘ und sich was zu gönnen.

Ich fühle mich ertappt. Ja, vielleicht könnte ich endlich mal Dinge nutzen, die ich kostenlos zu Verfügung habe, aber ‚mir nicht gönne‘? Vielleicht sollte ich doch den Versuch wagen, das neue Samsung zu installieren, auch wenn es android ist?

Grübelnd sitze ich mit meinem alten i-phone in der Hand auf dem Balkon und schaue in den Abendhimmel. Bis ich mich endlich durchringe, in die noch funktionierende Suchfunktion des Browsers die Frage zu tippen, wie man Kontakte und Fotos vom i-phone auf ein Samsung bekommt. Über die icloud, erfahre ich. Und die google-Foto-App.

Während die Kinder noch ihren Abendfilm gucken, gehe ich zum Rechner, und melde ich mich etwas nervös beim i-cloud Konto an und habe fünf Minuten später alle meine Kontakte importiert. Installiere anschließend die Google-Foto-App auf dem alten Handy, was glücklicherweise noch funktioniert, und finde kurz später alle meine i-phone Fotos in der App wieder. Wie von Zauberhand. Ich bin überrascht, wie einfach es ging.

Als die Kinder eine halbe Stunde später im Bett liegen, und ich Lola nur noch leise quatschen höre, wage ich den Versuch. Und hole zitternd die SIM- Karte aus dem i-phone und stecke sie in das neue Samsung. Was sich fast ein wenig wie Fremdgehen anfühlt. Mit klopfenden Herzen sehe ich zu, wie das Handy hochfährt. Erwarte - tief in mir drinnen - den totalen Zusammenbruch. Stattdessen werde ich freundlich, sogar auf Deutsch, eingeladen, meine Daten zu übertragen. Wenn ich kein Kabel habe, auch gerne über WLAN.

Ich klicke mich durch eine Unmenge von Fragen, die ich zum Glück auch später entscheiden oder noch abändern kann. Und finde eine Stunde später alle meine Kontakte und Fotos auf dem neuen Handy wieder. Bis auf die Nachrichten und WhatsApps, die ich bisher wie meinen Augapfel gehütet habe. Aber was soll’s. Kann ich später noch importieren. Ich fühle mich stolz, fast wie ein Profi. So leicht ging alles.

Am nächsten Tag empfinde ich das Samsung dann aber doch als riesig und unelegant. Als ich eine Nachricht zu tippen versuche, schreibe ich ständig alles falsch, gewöhnt an eine andere Tastaturgröße. Und ich schaffe es auch nicht, die neu installierten Apps wiederzufinden. Und die WhatsApps lassen sich auch nicht importieren. Ich will mein altes Handy zurück, fluche ich. Und überhaupt, es geht doch nichts über i-phone! Ich frage mich, wie ich jemals auf die Idee gekommen bin, mir ein android anzuschaffen? Und recherchiere im Netz, was ein gebrauchtes i-Phone kostet.

Kurz bevor ich meine SIM-Karte wieder entnervt in das alte Handy zurückstecke, kommt zum Glück mein zwölfjähriger Sohn Pavel nach Hause, seit einem Jahr selber Besitzer eines Samsung Galaxy. Und ‚digital native‘. Ganz beiläufig und mit erstaunlicher Geduld erklärt er mir, wie ich neue Widgets einrichte und verschiebe. Wie ich das Handy per Fingerabdruck entsperren kann. Wie ich den Startbildschirm einrichte. Und eine Viertelstunde später bin ich vollauf begeistert von meinem neuen Handy. Wie gut, dass ich Kinder habe!

Wie hatte ich es so lange vor mir herschieben können, mir mein neues Handy zu installieren? Kosten? 0 Euro. Zeitinvestition: zwei Stunden, in denen ich mich sonst nur über mein schrottiges i-phone geärgert hätte. Was für eine reiche Frau ich eigentlich bin! Wenn ich endlich mal all die Dinge (und Fähigkeiten) nutze, die bisher nur funktionslos in irgendwelchen Schubladen und Ecken liegen.

Dienstag, 16. Mai 2023

Reifenpanne

 Nach einem Sonntag im Salzatal, auf dem traumhaften Hof einer Bekannten an der Saale, fahre ich mit den Mädels durch die im goldenen Abendlicht liegende Landschaft zurück nach Leipzig. Vorbei an gelb leuchtenden Rapsfeldern, alten Höfe aus Porphyr, an Bänken und alten Leuten auf ihren Fahrrädern. Als Greta plötzlich bemerkt, dass es hier an der Tanke Diesel gibt für 1,49 Euro! 

Ich mache eine Vollbremsun und setze zu einer schwungvollen Wende an, um sofort zurück zur Tanke zu fahren. Das kann ich mir nicht entgehen lassen, selbst bei der schönsten Abendstimmung! Als es laut kracht. Ich habe einen hohen Bordstein übersehen und bin mit voller Wucht dagegen gefahren. Oh nein! Wenn nur die Achse keinen Schaden genommen hat.

Da flappt es schon seltsam auf der rechten Seite, und ich kann gerade noch bei der Tankstelle einbiegen. Der Reifen ist platt! Und das am Abend. Was tun? ADAC rufen? Haben wir nicht ein Ersatzrad dabei?, fragt Greta. Aber wie soll ich das bitte alleine wechseln?

In der Tanke stehen nur zwei junge Frauen am Tresen. Mist, kein Mann, der mir eventuell hätte helfen können. Ich frage dennoch. 

"Ne, Frankie ist nicht mehr da!", sagt die eine, mit schwarz gefärbten Haaren, voller Tatoos und mit aufgeklebten Fingernägeln.  "Aber das ist nicht schwer", fügt sie hinzu und kommt mit zum Auto. Ich öffne den Kofferraum, suche Wagenheber und Ersatzreifen. Da legt sie sich schon auf den Asphalt und beginnt, den Wagenheber anzusetzen und das Auto hochzuhebeln. 

Greta und Lola stehen mit offenen Münder daneben und staunen, wie diese aufgetakelte junge Frau da längs auf dem dreckigen Boden liegt, und sich an dem Reifen zu schaffen macht. Mit dem Werkzeug die Schrauben zu lösen beginnt, kräftig auf den Radschlüssel springt, als sie sich nicht lockern lassen. "Hab als Kind schon meinem Vater in der Werkstatt geholfen", erklärt sie und springt nochmal. Ich kann nur auf ihre langen Fingernägel starren, die sie nicht zu behindern scheinen. 

Als die Schrauben sich standhaft nicht bewegen lassen, winkt sie einen Mann heran, der gerade mit dem Auto auffährt. Ein Riese von Typ, der kurz darauf ebenfalls auf den Radschlüssel springt, um die Radmuttern zu lösen. Mit aller Kraft, unterstützt bald von noch einem Mann. Nach 10 Minuten Schwerstarbeit und vereinten Kräften sind alle acht Muttern gelöst. "Danke Jungs", sagt die junge Frau. "Den Rest schaff ich alleine. Könnte Euch morgen hier nen Kaffee abholen, wa?"

Und ehe ich mich versehe, hat sie das Rad geweschselt, die Muttern wieder angeschraubt und festgezogen. Und streift sich den Dreck von den Händen. "Geschafft!", sagt sie und geht mit einem der Typen davon. 

Was für eine Hilfsbereitschaft! Euphorisch bedanke ich mich. Ich bin hin und weg von dieser patenten jungen Frau und ihrer Souveränität mit Autos. Da kann ich mir echt eine Scheibe von abschneiden, denn am Wagen habe ich noch nie selber was repariert. Sondern diese Domäne bisher immer den Männern überlassen bisher. Warum eigentlich?

Montag, 17. April 2023

Irgendwo im Nirgendwo

Die Woche vor Ostern packt mich das Reisefieber. Doch wohin fahren zwischen dem Osterfest bei Oma Claudia in Wuppertal und dem 90. Geburtstag von Oma Lotte in Eisenach am folgenden Samstag? Kurztrip nach Griechenland? Ausflug nach Paris? Zu weit und zu teuer. 

Ich gebe bei AirBnB als Reiseziel "Hessen" ein. Irgendwo zwischen Wuppertal und Eisenach. Dazu noch mein Geburtsland, auch wenn ich da nicht mehr als 3 Jahre gelebt habe. Unter den Angeboten wähle ich ein hübsches Häuschen aus, mit Dielenboden und eigenem Gärtchen, preiswert. In Schwalmtal bei Alsfeld. "Irgendwo im Nirgendwo". 

Ein kleines Fachwerkhäuschen, gekauft von zwei jungen Leuten, die es zusammen  mit ihren Freunden liebvoll saniert haben (um dann doch in Kassel wohnen zu bleiben). Mitten in einem kleinen Kuhdorf mit einem Demeter-Biobauernhof, wo wir uns im Hofladen selber bedienen und mit einem Taschenrechner zusammenrechnen, was wir bezahlen müssen. Und es in die verschlossene Kasse des Vertrauens stecken. Während alle Waren frei verfügbar da stehen. Die Kinder staunen, wie ehrlich ich alles zusammen rechne - und zahle. 

Beim Spaziergang erwischt uns ein heftiger Hagelschauer. Wir verstecken uns in zwei Wasserrohren aus Beton, die am Strassenrand liegen, eng zusammengekrümmt. Als wir nach Ende des Wolkenbruchs, oben trocken, aber mit nassem Hintern, die Strasse entlanggehen, hält ein Laster auf der engen Landstrasse extra für uns, der Fahrer steigt aus und lässt die Kinder tief in eine Bonbontüte greifen. "Für Kinder, die im Rege wandern, gibt's Bonbons", sagt er und grinst. Welch eine Freundlichkeit. Bonbons lutschend wandern wir über die vom Regen schwarz glänzende Strasse und die leuchtend grünen Wiesen zurück zu unserem Häuschen. 

Am Nachmittag erkunden wir bei einer Rallye Alsfeld, die Kulisse des Filmes 'Die Wolf-Gäng', der hier gedreht wurde und stoppen kurz am "Märchenhaus", wo uns die Dame am Eingang einlädt, doch zu bleiben und erklärt, dass die rote Kappe vom Rotkäppchen zur Tracht der jungen unverheirateten Mädchen der Gegend gehörte. Lola will unbedingt alle Märchenräume anschauen, auch wenn sie die Hexenkammer sehr gruselt. Zähneknirschend unterbricht Pavel die Rallye. 

Im Touristcenter von Alsfeld erfahren wir, dass die ganze Gegend, der Vogelsbergkreis, eines der grössten Vulkangebiete Mitteleuropas ist und wir hier quasi auf einem riesigen erloschenen Vulkan mit vielen Herden wandeln, von dem das Basaltgestein der Gegend auch heute noch zeugt. 

Zu meiner Freude finden wir einen schönen Wanderführer und verbringen die folgenden drei Tage mit Wanderungen durch die sanften Hügel, langen Alleen und märchenhaften Wälder. Bei schönstem Aprilwetter. Wobei die Freude bei den Kindern darüber etwas geringer ausfällt (aber egal! wie Lola immer sagt) Herrliche Tage!    


Ich bin doch immer wieder erstaunt, welch schöne Gegenden man einfach so im Nirgendwo entdecken kann, von denen man nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt.

 

Also, wenn Ihr einmal nicht wisst, wohin reisen, gebt bei AirBnb einfach irgendeine unbekannte Gegend ein, bucht Euch eine schöne Unterkunft, und los! Die Abenteuer warten an jeder Ecke. Man muss nur genau hinschauen.

Dienstag, 14. März 2023

Abgeschleppt?

Nach dem Geigen von Lola kommen wir mit dem Auto nach Hause und suchen einen Parkplatz. Mal wieder nichts, in der ganzen Gegend! Da ich später nochmal los will, stelle ich mich kurzerhand in die Feuerwehreinfahrt der Schule bei uns nebenan. 

"Hoffentlich werd ich nicht gleich abgeschleppt", sag ich zu Lola, die neben mir im Auto sitzt. Gerade letzte Woche haben sie hier wieder alle Falschparker abgeschleppt. "Alles gut", sagt Lola und schüttelt beschwichtigend den Kopf. "Komm Mama", sie will nach Hause. 

Kurz nach dem Abendessen stehe ich im Bad, als ich plötzlich ein komisches Gefühl bekomme. Und an mein Auto denken muss: oh nein, hoffentlich werde ich nicht gerade abgeschleppt! In diesem Moment klingelt es. 

"Hier die Polizei", ertönt eine dunkle Männerstimme an der Gegensprechanlage.

"Oh nein, mein Auto"...", antworte ich. 

"Ja, genau", die Antwort. "Bringen Sie bitte Ihren Führerschein und Ihre Fahrzeugpapiere mit!"

Das kann doch nicht wahr sein! Wenigstens klingeln sie vorher. Ob das Auto schon auf dem Abschleppwagen ist? Schnell greife ich meinen Mantel und meine Tasche und rase die Treppe hinunter. Schon die Anfahrt des Abschleppautos ist fast genauso teuer. 

Vor der Türe ein Polizist in voller Montur, schuss-sichere Weste, Waffe, Helm. Ein bisschen aufwendig für ein Falschparken, denke ich. 

"Woher wussten Sie, dass wir es sind?", fragt er. 

"Naja, ich hatte gerade eben das seltsame Gefühl, dass ich abgeschleppt werde. War ja klar!", sage ich und gehe mit ihm Richtung Schule. "Ich hätte mich nicht in die Auffahrt stellen dürfen!"

"Ach, darum kümmert sich überlicherweise das Ordnungsamt. Keine Sorge. Nein, sie sind angefahren worden!" 

Was? Mein Auto angefahren? Das darf doch nicht wahr sein. Ich brauche mein Auto!

An der Schule treffen wir auf einen freundlichen Herrn meines Alters. Der beim Ausparken aus Versehen mein Auto touchiert hat. Am linken hinteren Kotflügel ein kleiner Lackschaden, den man im Dunkeln kaum sehen kann. Erleichtert lache ich auf. 

Die Polizisten wollen noch nicht mal eine Anzeige aufnehmen, informieren nur kurz über das Prozedere, Austausch von Adressen und eigenständige Meldung an die Versicherung.. "Gibt ja zum Glück noch Menschen, die das friedlich miteinander regeln können. Dafür brauchen Sie uns doch nicht", sagt der Polizist lachend und winkt freundlich zum Abschied. 

Der Herr guckt zerknirscht und holt seine Brieftasche raus. Ich blicke auf den kleinen Lackschaden. Dafür mein Auto in die Werkstatt bringen? Schade, dass er nicht einen der anderen Flügel angefahren hat, wo schon Schäden sind. Dann hätte ich mir die Reparatur bezahlen lassen. Aber das? Da ist der Aufwand, zur Werkstatt zu fahren, schon fast zu hoch. 

"Ich kann Ihnen auch 200 Euro überweisen, wenn Sie mögen", schlägt er vor. Ich überlege kurz. 

"Hand drauf", sage ich und schlage ein. 

Am nächsten Morgen habe ich 200 Euro mehr auf meinem Konto. Statt 300 Euro weniger für den Abschleppdienst. Hatte Lola doch recht. "Alles gut, Mama". Sicherheitshalber habe ich den Wagen dann doch in einer freigewordenen Parklücke gegenüber geparkt. Sicher ist sicher.

Montag, 13. März 2023

14 Tonnen Bücher

Beim Tango treffe ich einen alten Bekannten, der einen kleinen Leipziger Verlag führt. "Und, wie geht's so", frage ich beiläufig, ohne eine detaillierte Antwort zu erwarten. Eigentlich will ich tanzen.

"Naja, es knirscht schon gewaltig im Gebälk", sagt er, verzieht die Mundwinkel nach unten und legt die Hand auf seinen Rücken.

"In welchem?", frage ich und vermute Rückenschmerzen, in unserem Alter ja Standard. 

"In der Verlagsbranche", sagt er. "Da braut sich grad ordentlich was zusammen". Und er erzählt, dass ihm sein Logistikunternehmen gerade gekündigt hat, das bis vor einem Monat 14 Tonnen seiner Bücher gelagert und den Versand abgewickelt hatte. "Mit dem dem Argument von Inflation, hohen Energiepreisen haben sie die Preise verdreifacht. Das kam einem Rauswurf gleich." Er zuckt die Schultern. 

"Und jetz?t", frage ich. "Was machst Du mit all den Büchern?" 

Die lagert er jetzt in seinem Haus auf dem Lande, das er vor drei Jahren in Geithain erworben und gerade saniert hat, erzählt er. 

"Vierzehn Tonnen Bücher?", frage ich.

"Ja, das ganze Haus voll, alle drei Stockwerke, jeder Raum. Aber Kosten hab ich keine mehr für die Lagerung."

"Dann kannst du das Haus ja gar nicht mehr nutzen?"

"Nein, erst muss ich alle Bücher verkaufen. Für einen Euro das Stück." Er lacht. "Das kann dauern."

Ich staune über seine Gemütsruhe. Vor allem, als er mir erzählt, wie er die Bücher ins Haus bekommen hat.

Das Unternehmen hat sie ihm freundlicherweise vor die Türe geliefert. In Paletten, geordnet und sortiert. Für schlappe 12.000 Euro. 

Ins Haus hat er sie dann selber gebracht, auf einer Schubkarre. Sechs Wochen hat er gebraucht, jeden Tag. Alleine.

Irgendwann haben ihm die Nachbarn geholfen, nachdem sie ihn tagelang haben schleppen sehen. Aus Mitleid. "Echt nett, die Leute auf dem Land", sagt er lachend. "In der Stadt wär mir das nicht passiert."

"Wollen wir tanzen", frage ich ihn. 

Er nickt. "Knirscht nur ein bisschen im Rücken", sagt er. "Aber das wird schon beim Tanzen."


Donnerstag, 26. Januar 2023

Was macht mich glücklich?

Was macht mich eigentlich so glücklich, dass ich morgens schon aus dem Bett schieße und gar nicht erwarten kann, dass der Tag beginnt. (Was gerade eher selten der Fall ist leider...)

Was definitiv hilft, um mich gut zu fühlen:

Draussen in der Natur sein, auf steile Berge wandern, im Garten die Rosen schneiden oder Unkraut jäten (ja, das mag ich wirklich! Nichts hilft besser gegen innere Anspannung und Wut)

Backen, aus irgendwelchen Gründen fühle ich mich immer glücklich danach. Letzte Woche habe ich mit den zerhexelten Resten der Weihnachts-Hexenhäuser Schoko-Muffins gebacken. Vanillekipferl sind aber auch super. Ein Gefühl von Kindheit und Wärme. Kochen ist Liebe, hat mir ein Freund neulich gesagt. 

Tanzen, mit richtig lauter Musik, so richtig Handbangen zu den 'Ärzten'! Natürlich auch gepflegter, zu Tangorhythmen von irgendeinem guten Tänzer mich über das Parkett 'tragen' lassen. Also geführt werden! (endlich mal keine Entscheidungen treffen)

Durch mir fremde Städte laufen und sie Strasse für Strasse entdecken, ohne System. Und ewig in Cafes sitzen und den Leuten an den Nachbartischen heimlich zuhören. Und sie zeichnen. Wie neulich im Cafe Jelinek in Wien. 

 

Mit einer guten Freundin im Abendwind auf dem Dach ihres Altbaus sitzen, direkt auf der Dachpappe, die noch warm ist von der Julisonne, und mit Prosecco anstossen, auf die Liebe und die Kinder und die nicht mehr vorhandene Jugend. Wie lange habe ich das nicht mehr getan, vielleicht fühle ich mich deswegen gerade so alt. 

Ach, und noch so viel mehr, was ich mir lange schon viel zu selten gönne, eingespannt in den Alltag mit drei Kindern und der Arbeit. Dabei ist es doch gerade das Zusammensein mit anderen Menschen (nicht ausschließlich den eigenen Kindern und dem Partner), was nachweislich glücklich macht!!! 

Habe ich heute früh in der SZ gelesen, in einem Interview mit Waldinger, einem Harvard Psychiatrieprofessor, der in einer Langzeitstudie mit 724 Amerikanern - über 85 Jahre hinweg - feststellen konnte, dass vor allem eines über das Glück von Menschen entscheidet: ihre Beziehungen!!! 

Nicht unbedingt die Beziehung zum Ehepartner, wobei eine glückliche da sicher auch Vorteile bringt, nein, vor allem die sozialen Beziehungen, die ein Mensch hat, tragen zum Glück bei: wenn er sich eingebunden fühlt, zusammen mit anderen etwas erlebt, beiträgt - Gemeinschaft erlebt.

Der glücklichste Mensch der Studie war ein Lehrer, der seine Arbeit liebte, das Unterrichten, ebenso wie seine Familie und seine beiden Kinder. Und dem es vor allem wichtig war, für andere Menschen etwas zu tun, und nicht so sehr, um sich selber zu kreisen und um sein eigenes Wohlbefinden. 

Da werde ich mir doch gleich mal das Buch "The good life: Lessons from the World's longest study on happiness" bestellen, das Waldinger gerade veröffentlicht hat, und mir das im Detail durchlesen.



Oder aber: mich endlich wieder mit all den alten Freunden treffen, die ich schon viel zu lange nicht mehr gesehen habe: um nächtelang zu diskutieren, wild zu tanzen, gemeinsam durch Flußauen zu wandern, und so viel mehr. 

Vielleicht ist es einfach das, was mich dann wieder aus dem Bett treibt. Und mich zu einer glücklichen Mutter macht, die ihren Kindern zeigt, was Lebensfreude bedeutet. Trotzdem vieles gerade so schwer scheint - oder vielleicht gerade deswegen! 



Sonntag, 22. Januar 2023

Dem Rausch sei Dank

Freitag Nachmittag, ich sitze im Zug nach Berlin. Ein freies Wochenende vor mir, ganz allein mit meiner besten Freundin U. Das erste Mal seit 20 Jahren, dass wir ein Wochenende zu zweit verbringen, ohne die Kinder, ohne die Männer, ohne Verpflichtungen. Die Wintersonne scheint in den Waggon, ich öffne das Büchlein 'Hier geht's lang' von Elke Heidenreich, über die Bücher von Frauen, die ihr Leben geprägt haben. Lese, mache mir Notizen, schaue aus dem Fenster. Träume von den Strassen von Berlin, vom Theaterabend morgen abend, von unserem Besuch in der Gemädegalerie, unseren Gesprächen darüber. Wie wir uns endlich die Welt und die Stadt und das Leben zurückerobern.

Am Bahnsteig kommt mir U. strahlend entgegen. Lange drücken wir uns. Einmal ganz ohne die Kinder und Männer im Schlepptau, nur wir beide. Wir fahren mit der S-Bahn zum Alexanderplatz, vorbei an meiner alten Fakultät, die Lichter des Fernsehturms blinken am Himmel. Steigen in die Tram und am Prenzlauerberg wieder aus, spazieren durch die mit Läden und Cafes und Restaurants gesäumten Strassen um den Kollwitzplatz und denken zurück an die Tage, wo wir Anfang der Neunziger Jahre hier zum ersten Mal lang gingen. Und uns in das einzige Cafe am Platz setzten, wo der Putz von den Wänden bröckelte. Heute gehen wir asiastisch essen und danach in ein schickes Weinlokal mit einem Michelin-Stern, und bestellen Drinks: sie einen Gin Sour und ich einen reinrassigen Grauburgunder. Die Nacht kann kommen. 

Der Abend wird lang, zwischen dem Schwelgen in alten Erinnerungen und dem uns gegengeistig Updaten über die energetisierenden Kräfte unser kreativen Arbeit, bis die Kellnerin uns rausschmiesst. Sie wollen Feierabend machen. Nach Umwegen landen wir in der Bar unter der Wohnung in der Sredzkistrasse, wo wir übernachten. U. bestellt Negroni, ich Aperol Sprizz. Und die Gespräche werden tiefer, lustiger, mit grossen Augen lauschen wir den vielen Geschichten, die sich über die Jahre in uns angestaut haben, die wir nie Zeit und Raum hatten uns zu erzählen. Wir wollen nicht gehen, so rauschselig ist dieser Abend. Sie bestellt noch einen Drink mit Whiskey und Sahne, ich noch einen kleinen Sprizz. Bis die Barkeeperin uns auch hier rausschmeisst. Glücklich wanken wir die Treppen hoch zur Wohnung, uns haltend an den Wänden. 

Erst gegen Mittag erwache ich, wecke meine Freundin, wir haben doch so viel vor, wie konnten wir verschlafen. Cafes, Secondhandläden, Theater, Tanzen mit Freunden, vielleicht noch eine Galerie dazwischen... Die Großstadt und das Leben rufen. U. öffnet ein Auge. Ihr Kopf schmerzt, ihr Magen rebelliert, sie kann nicht aufstehen. "Wie dusselig", sagt sie. Dreht sich um und schläft weiter. Nach einer Stunde wecke ich sie vorsichtig, biete ein weißes Brötchen an, einen heißen Tee. Sie probiert, aber ihr Magen spielt immer noch verrückt. "Es tut mir leid", sagt sie und schläft weiter. Ich gehe ins Wohnzimmer  und schaue aus dem Fenster. Öffne mein Schreibheft und beginne zu schreiben. Während es draussen zu schneien beginnt und meine Freundin schläft. Hinter den Fenstern höre ich die Großstadt.

Um 15 Uhr steht sie kurz auf und legt sich aufs Sofa ins Wohnzimmer. Ich lese aus dem Buch "Schreibtisch mit Aussicht" vor, Geschichten von Schrifstellererinnen über ihr Schreiben. Sie lächelt dankbar, sagt kurz ein paar Worte und schläft wieder ein. Erst gegen 18 Uhr ist sie so weit, dass sie etwas Kleines essen kann, eine Suppe vom Asiaten. 

Wir sitzen im Wohnzimmer, schauen durch die Altbaufenster in den Nachthimmel und fangen an, uns der alten Zeiten zu erinnern. All der Reisen, die wir gemacht haben, der wilden Feste, der WGs, die wir gemeinsam bewohnt haben. Und beginnen zu schreiben: "Ich erinnere mich.... " 20 Minuten lang, all die kleine und großen gemeinsamen Erinnerungen, ungeordnet, die wie ein Feuerwerk im Kopf aufpoppen, kaum haben die Stifte Zeit, hinterherzukommen. Anschließend lesen wir uns abwechselnd unsere Texte vor. Lächeln, lachen und weinen still, berührt von den Momenten, die wir alleine nicht mehr erinnert hätten.

Welch ein Reichtum, der uns verbindet. Über all die 30 Jahre, die wir uns kennen. Ein geteiltes Leben. Beglückt strahlen wir uns an. Und wissen, dass wir diesen gemeinsamen Tag in der kleinen Wohnung in der Sredzkistrasse im Prenzlauerberg nicht vergessen werden. Dass er Teil wird von diesem gemeinsamen Erinnerungsschatz. Auch und vielleicht gerade, weil er so ganz anders war, als erwartet. Weil er uns unverhofft die Zeit geschenkt hat, all das gemeinsam Erlebte wahrzunehmen, auf Papier festzuhalten und es 'zu feiern', statt dem noch so viele neue Eindrücke hinzuzufügen. Einer berauschten Nacht sei Dank!