Montag, 31. August 2026

Glück ist eine Frage der Entscheidung

 In den letzten Wochen hatte ich Zeit, alle Zeit der Welt. Ohne Kinder, ohne Lola. Ich hätte große Sprünge machen können, alleine den ganzen Jakobsweg wandern können. Durch die Türkei reisen. Oder mein neues Lola Buch druckfertig schreiben können. 

Aber ich hatte nicht den Elan. Nicht die Kraft. Nicht das klare innere Bild in mir, wie es aussehen sollte. Und ich pendelte hin und her zwischen unserem Garten, dem Cospuender See und unserer Wohnung. Wechselte zwischen dem Gesang der Amseln und dem abendblauen Himmel unter unserm Kirschbaum, einfach nur sitzend und atmend. Und dem konzentriertem Schreiben an meiner Rohfassung über Lolas Schulzeit. Traf mich mit alten Freunden, ging ins Freiluftkino. Sprang wieder und wieder in den Cossi, lag lesend am Strand. Zeitlose Stunden eigentlich, aber eine rechte Sommerstimmung wie ich sie von anderen Sommern kannte, kam nicht auf. 

In meinem Kopf ratterten Gedanken, wie Züge, die nie anhielten. Jedensfalls nie da, wo sie meinem Plan gemäß halten sollten. Alte Erinnerungen der letzten Jahre tauchten auf, unvermutet. Verdrängte Gefühle von Alleinsein, Traurigkeit, Hilflosigkeit. Ein tiefer Schmerz, verlassen zu sein. 

Ohne die festen Strukturen und Geländer des Alltagslebens, ohne die lebensfrohe und quirlige Art der Kinder, die natürlich viel von mir fordern, aber immer auch Ideen, Lebensenergie und Lachen schenken, fühlte ich mich an vielen Tagen einfach nur verloren und einsam. 

Selbst wenn ich Freunde sah, oder mit ihnen telefonierte, Bekannte am Strand traf, blieb eine tiefe Melancholie zurück - trotz aller Hitzetemperaturen. Das Gefühl einer großen dunklen Wolke, die alles vernebelt und vor mir und meiner Zukunft steht.

"Das sind alles Symptome einer Depression", sagte mir eine Freundin, als ich ihr klitzeklein jede noch so kleine Missstimmigkeit meiner Tage darlegte, mit ihrem psychologischen Sachverstand. 

"Ne, also, ne depressive Verstimmung vielleicht", sagte ich abwehrend. Erschreckt, dass ich ihr gegenüber wohl doch zu ehrlich und auch dramatisch gewesen war, an diesem innerlich besonders grauen Tag. Aber doch ein kleiner Warnschuss. Denn ich merkte, wie ich mich doch hineingesteigert hatte in meine eigene Missempfindungen. 

Oder hatte ich mich doch zu ehrgeizig in meine Schreibprojekte hineingestürzt? Mir selber zu viel Druck gemacht? Anstatt einfach ein bisschen in den Tag zu leben, meiner eigenen Energie zu folgen und - zu entspannen. Als müsste ich jemandem etwas beweisen.

Vielleicht fehlte mir auch nur einfach ein lieber Mensch an meiner Seite. Denn solange die Kinder da sind, habe ich genug zu tun und bin nicht allein. Aber in diesem langen Sommer alleine merkte ich doch schmerzlich, dass der Mensch nicht für's Alleineleben gemacht ist, zumindest nicht dauerhaft. Und ich erst recht nicht. Sozial und aufgeschlossen wie ich bin. 

Und ich kam viel zu viel ins Denken und Grübeln und Erinnern, auch alter Gefühle. Die sich - endlich war ja Zeit dafür, auf einmal zeigten. Mit aller Macht der nicht gefühlten Gefühle, die gefühlt werden wollen. Wie kleine quengelige Kinder. Mich ihnen ganz zu öffnen, gelang mir manchmal. Sie in kleine Geschichten zu verwandeln, in anderen Momenten. 

Aber der Trübsinn blieb wie ein feiner Schleier, der die Sicht versperrt. Auch wenn der Garten, das Zeichnen, Gitarre spielen, auch mal tanzen und singen, kurzfristig halfen. Echte Lebensfreude sieht anders aus. Als würde es mir an einem grossen 'Wofür' fehlen, dem Sinn. 

Heute Nachmittag hingegen, nachdem ich mit Lola spontan zum Cossi geradelt war, um dort ein Eis zu essen und kurz in den See zu springen, spürte ich auf der Rückfahrt mit dem Tandem auf einmal den übermächtige Wunsch und auch WILLEN, endlich wieder glücklich zu sein. 

Und statt wie bisher auf Glück und die Erfüllung meiner Wünsche zu hoffen, stelllte ich mir - während ich kräftig in die Pedale trat und mir den Schweiß den Rücken hinablief - einfach vor, sie seien alle in Erfüllung gegangen. Und ich wäre gerade überglücklich!

Meine Mundwinkel zogen sich nach oben. Und ich spürte das überschäumende Gefühl, frisch verliebt zu sein. Spürte die Vorfreude auf einen lieben Menschen, der gerade mit einem frisch gebackenen Kirschkuchen auf mich wartet und mir gestern einen Heiratsantrag gemacht hat. Und was für eine Freude durchströmte mich auf einmal :-) 

Gerade letzte Woche hatte ich in einem Buch über 'Focusing' gelesen, dass der Körper zwischen Realität und Vorstellung nicht unterscheiden kann. Wenn ich mir etwas fest genug vorstelle, werden im Körper und Gehirn diesselben Stoffe ausgeschüttet, als hätte ich es wirklich erlebt. Stelle ich mir vor, dass ich gerade in einem Preisausschreiben gewonnen habe, oder eben verliebt bin, werden Glückshormone ausgeschüttet. Denke ich daran, gerade jemanden verloren zu haben, empfinde ich tiefe Trauer und der Körper reagiert mit dementsprechenden Symptomen. 

So hatte ich gelesen, und mich weiter in meinen traurigen Gedanken gesuhlt. Mich weiter reflexhaft an Vorstellungen und Erinnerungen von Einsamkeit, Schmerz und Verlusten geklammert. 

Doch heute Nachmittag, wie aus dem Nichts, drehte ich ich einfach den Spieß um. Und stellte mir grosses Glück, Vorfreude und Verliebtheit vor. Und es fühlte sich hundertmal besser an. Wirklich 'real' war weder das eine noch das andere. 

Und ach, wie beschwingt radelte ich mit Lola auf dem Tandem durch die Strassen, im warmen, gerade noch August-Wind. Empfand solch eine Freude, lächelte mir bekannten und unbekannten Menschen zu, plauderte fröhlich mit Passanten. Und alles machte auf einmal einen großen 'Sinn'. 

Ich brauchte gar nicht mehr zu hoffen, zu warten, mich anzustrengen. Das Glück legte sich einfach vor mir auf die Strasse - erfüllte mein Herz. Einfach so! 

Und da lachte mir aus einer der Bücherverschenkekisten auf einmal der Titel eines Buches entgegen. '101 Essays that will change the way you think". Schwarze Schrift auf weißem Cover. Nur diese Zeile. Und schwupps, zog ich es raus, selbst gegen Lolas heftigen Protest, die schnell nach Hause wollte. 

Und während aus Lolas Zimmer lauteste Musik und Partybrülle dröhnten, saß ich tiefenentspannt im blauen Abendlicht auf dem Balkon und las über das soeben erlebte Phänomen. Dass Glück oder Leid auch eine Entscheidung sind, die man trifft. Und dass man sich oft leider vom Glückserleben abschneidet, weil man glaubt, man verdiene es nicht einfach so, würde faul dadurch werden, bei anderen Neid erwecken, etc. Und sabotiere sich selbst, erlaube sich das Glück nicht. 

Es war heute auf jeden Fall eine wunderschöne Erfahrung, diese starke tiefe Lebensfreude zu spüren, die in jeder Zelle prickelt und nach mehr ruft, und die Stadt in rosagelbes Licht taucht. Einzig und alleine erzeugt durch meine Entscheidung. Die Mundwinkel hochzuziehen und mir vorzustellen, ich sei glücklich (verliebt), und diese starken Gefühle einfach durch mich pulsieren zu lassen. 

Was für ein Glück!

Zurück aus Spanien


Am Freitag ist Lola nach sieben Wochen unterwegs quer durch Europa endlich wieder zurück nach Leipzig gekommen! Zusammen mit Greta, mit dem Flieger aus Gijón in Nordspanien, der letzten Station ihrer grossen Reise. Wo sie Urlaub bei der spanischen Großfamilie Urlaub gemacht haben - und wie es das Glück wollte, Zeugen der totalen Sonnenfinsternis werden durften, direkt am 'Hausstrand', an den sie jeden Tag zum Baden gehen :-) 

 Fünf Wochen war ich alleine in Leipzig, ohne Lola. Habe den See und den Garten genossen, endlich in Ruhe an meinem neuen Buch (über Lolas inklusive Schulzeit :) schreiben können, hab Freunde getroffen, war wandern. Konnte entspannt in den Arbeitsalltag starten, mal ohne aus dem Nebenzimmer von lauter Musik gestört zu werden, oder mich in langen Diskussion darüber zu verfangen, warum es sinnvoll ist, vor dem Schlafen gehen zu duschen und die Zähne zu putzen. Wirklich. Jeden Tag! 

Doch so schön die Lolafreie Zeit war, so sehr habe ich sie doch auch vermisst. Was ich erst jetzt so richtig gemerkt habe, da sie wieder da ist. Ihre Jubelschreie über ihr aufgeräumtes Zimmer, ihr leidenschaftliches Geigenspiel ganz für sich alleine, ihre Freude jeden Tag an jeder noch so kleinen Kleinigkeit. So schön, ihre Energie und ungebremste Lebensfreude wieder um mich zu haben! 

Ja, klar, auch das viele Erinnern, dass wir jetzt rausgehen wollen. Während sie noch ewig etwas suchen, abschreiben, anziehen muss. Aber sie ist viel kooperativer und entspannter als noch vor den Ferien, und das Zusammenleben mit ihr ist einfach gerade eine echte Freude. Wie schön, dass sie wieder da ist! 

Und morgen, wird es spannend. Denn da beginnt sie das Eingangsverfahren für den Berufsbildungsbereich in den Lindenwerkstätten. Wo sie unbedingt hinwollte. Um eines Tages, so ihr Traum, im Lindencafè zu arbeiten und dort Pizzas zu backen :-) 

Einen Pizzaofen haben die dort zwar noch gar keinen. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden. Und wo eine Lola, da ist auch ein Weg!

Ich werde berichten :-)




Mittwoch, 29. Juli 2026

Auf Weltreise durch Frankreich

Lola's grösster Wunsch war, nach dem Schulabschluss eine Weltreise zu machen :-) 

Ich hatte darüber nachgedacht. Überlegt, Sponsoren zu gewinnen, einen Projektantrag zu stellen, mir eine Auszeit zu nehmen. Ach, was wär das für eine Gelegenheit! Lola berichtet selber darüber, macht Fotos, stellt sie in einen eigenen Blog.

Befreundete Dokumentarfilmer waren begeistert: das könnte man ja auch filmisch begleiten. 

So viele gute Ideen. Aber es fehlte an Zeit, an Energie. Kurz: das Leben kam dazwischen. 

Und Lola ist es gewöhnt, dass ihre Ideen nicht in die Realität umgesetzt werden, zumindest nicht sofort. 

Mit leichtem Protest ließ sie sich ein auf meine und Pavel's Idee, im Sommer doch einfach wieder nach Frankreich zu fahren. Wo wir seit drei Jahren begeistert hinfahren. Nachdem Lola 2023 den Impuls dazu gab, weil sie unbedingt nach Paris wollte!

Und so packten wir das kleine Auto, verstauten Zelte und Koffer und ab nach Frankreich. Diesmal in die Provence, bzw. ins Department Alpes-de-Haute-Provence, in die Ausläufer der französischen Alpen zum 'Lac de Serre Poncon'. Campingplatz direkt am See.

Aus Platzgründen ohne Tische und Stühle, als wahrscheinlich einzige Camper auf dem ganzen Platz. 

Jahrelang hat mir das auch meine Pfadfinderehre verboten, so etwas spiessiges wie Campingstühle zu nutzen. Aber - seitdem wir nun regelmäßg fahren - schaue ich doch immer wieder neidisch zu den anderen Zeltern, die entspannt am Tisch sitzen und essen und spielen und lesen. In diesen breiten gemütlichen Camperstühlen, ein Bierchen in der Armlehne.

 

Und so herrliches das Baden im See und im Pool auch war, Wanderungen mussten sein. Natürlich - ähnlich klassisch - ohne App, nur mit Karte. Aber ach, nachdem wir in einem alten Eisenbahntunnel landeten, natürlich ohne Ausgang (nach 1km im Stockdunkeln kehrten wir um), installierte ich mir doch lieber eine Wander-App, und wir kamen endlich zum gesuchten Wasserfall, des 'Cascade costeplane', an einem kleinen  Zufluss zur Ubaye. 

Das Beste am Campingplatz war für Lola natürlich die Großbildleinwand, auf der sie die WM-Spiele gucken konnte. Wo sie als einzige Spanierin auf dem Platz lautsark den Sieg der Spanier gegen Belgien bejubelte - zum Leidwesen der zahlreichen begeisterten Belgienfans.

Kleiner Abend-trip nach Barcelonette, wo wir über Hindernisse balancierten und mitten in eine lautstark schreiende Gruppe von Kellnern gerieten, die mit Wein um sich spritzten - beim 'Course de garcons" - dem städtischen Kellnerlauf, wie wir am Ende feststellten :-) Nachdem wir uns schon sehr über die Rüpelhaftigkeit der Leute dort gewundert hatten.

Nach einer Woche zogen wir weiter, an die Provence d'azur. In ein wunderschönes Ferienhaus in La-Londe-les-Maures, das uns eine ganz liebe Schweizer Klientin überlassen hatte, deren Satzstreifen-Buchprojekt ich betreuen durfte. Wie herrlich, an der Oleanderhecke oder unter dem Feigenbaum auf der Terrasse zu sitzen, im eigenen Zikadenkonzert!

Bei großer Hitze lagen wir tagsüber eigentlich vor allem am Strand, vielmehr im Wasser, oder wanderten über den 'sentier littoral' bis zur göttlichen 'Plage de Leoube'. Karibikstrand mitten in Frankreich!


 Hier konnte man es aushalten! Unter Pinien, im kühlen Wind im Sand liegen, oder über Algenwälder und durch Fischschwärme hindurch schnorcheln...


Lola strahlte wieder! Nachdem sie am Tag zuvor einen Hitzschlag erlitten hatte - mit Fieber, Kopfschmerzen und Magenproblemen, ein echter Hitze-Schock! Welch Erleichterung, als es ihr wieder besser ging. Von nun an musste sie täglich literweise Wasser trinken, um ja nicht wieder zu dehydrieren.

Da Lola aber trotz dieser Massnahmen die Hitze nicht bekam, und sie nachhaltig Verdauungsprobleme hatte, sagte ich die geplante folgende Campingwoche an den Calanques bei Marseille ab. Und wir fuhren zu Freunden an die Drôme, wo es zwar auch tags heiss ist, aber nachts angenehm kühl. Und wir endlich wieder entspannt schlafen und - tags wandern konnten! 


Erfrischung direkt in der Drôme, unterm Wasserfall bei 'Le claps'.

Und als die Sonne im 'Forêt de Saoû' dann doch ungehindert brannte, half der zum Sonnenschirm umgenutzte Regenschirm, der im Urlaub ansonsten funktionslos gewesen wäre.

Am Ende unser dreiwöchigen Reise brachte ich die überglückliche Lola zu Ricardo nach Oberbozen - in den italienischen Alpen. Wo die Bozener ihre Sommerfrische geniessen. Und lecker schlemmen.

Mit Blick direkt auf die Dolomiten.


 Und hier setzt Lola nun ihre Weltreise fort - diesmal in Italien! Bevor sie in zwei Wochen nach Spanien aufbricht. So dass es zwar keine Welt- aber doch eine tolle lange Reise durch Südeuropa wird.

Sonntag, 5. Juli 2026

Bye bye Rubikon...

Gestern war es soweit - und hat Lola bei einem rauschenden Abschlussfest das Ende ihrer Schulzeit gefeiert! 12 Jahre inklusive Waldorfschule.

'Nie wieder Schule gehn', lachte sie. Stolz, den Waldorfabschluss geschafft zu haben. Mit all den vielen Praktika, Auftritten, Jahresarbeiten, Kunstfahrt, und allem was dazugehört.

Vor allem bedeutet es aber den Abschied von ihrer '12. Klasse', den sie seit Monaten schon betrauerte. Lange unvorstellbar für sie, woanders zu sein als in der Schule, mit ihrer Klasse. Die zuletzt eine so außergewöhnliche Klassengemeinschaft hatte. Wo alle willkommen waren und fast alles gemeinsam gemacht wurde. Wo aber auch alle sehr eigen, individuell und besonders waren, jeder auf seine Art. Eine fantastisches Beispiel, wie Autonomie in Gemeinschaft gelebt werden kann. 

So viele Erinnerungen hat die Klasse in ihrem gemeinsamen Abschlussbuch vereint, selbstgemalt und gestaltet. Fotos aus 12 Schuljahren, von Fahrten, Theaterstücken, Praktika, aber auch allen ehemaligen MitschülerInnen, darunter auch einige von Lolas besten Freunden, die ja leider viel zu früh die Klasse verlassen haben.


 Bei der Überreichuung der Abschlusszeugnisse gab der Klassentutor noch jedem der SchülerInnen einen persönlichen Satz über ihn bzw. sie mit. Der den Jugendlichen in seiner Besonderheit charakterisierte, auch für die Klasse. Und für jede/n so treffend und berührend war, dass es mir ganz ans Herz ging. So ein Geschenk!

Eine Epoche geht für Lola zu Ende, auch für mich als Mutter, die ich sie jeden Morgen in die Schule begleitet habe, dort immer engagierte Lehrer, andere liebe Eltern, quirlige SchülerInnen auf den Gängen traf.

Eine Gemeinschaft geht zu Ende. Die uns fehlen wird, sehr sogar. Trotz aller Herausforderungen, die die Schulzeit immer auch mit sich brachte.

Zum Glück war Lola gestern vor allem glücklich über das schöne Fest. Sie hatte wohl in den vergangenen Monaten genug Abschied genommen, alles schon durchfühlt und beweint, dass sie gestern einfach nur fröhlich Party machen konnte. Und bis um 3 Uhr morgens mit ihrer Klasse so wild und wirklich non-stop-getanzt hat, dass ihr heute die Beine schmerzten! So soll es sein! 

'Bye bye Rubikon'... war der umgedichte Refrain des Liedes, das wir als Eltern noch zum Abschied sangen. Und endete auf 'jetzt sind wir frei, frei, frei' Mal schauen, was das für Lola bedeutet, deren Möglichkeitenraum doch eher begrenzt ist.

Hier noch ein Foto von Lola's Einschulung vor 12 Jahren :-)  Mit dem Link zu einem älteren Post aus dem Jahr 2014.

Mittwoch, 1. Juli 2026

Bundesweite Elternbefragung: Mehrheit wünscht sich inklusive Bildung

Heute wurde vom 'Deutschen Institut für Menschenrechte'  die Studie "Inklusive Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit" veröffentlicht. Aus der hervorgeht, dass eine Mehrheit der befragten 7.500 Eltern inklusive Bildung für ihre Kinder bevorzugen - wenn die Bedingungen stimmen. 

Sehr spannende und wichtige Untersuchung!

 Auf der Seite des Intituts finden sich auch viele interessanten Fakten zum aktuellen Stand der inklusiven Bildung in Deutschland sowie ein spannendes Interview mit den Autorinnen Susanne Kroworsch und Britta Schlegel.

Hier im Blog habe ich ja immer wieder über unsere Erfahrungen mit der Inklusion in Lolas Schule berichtet. Und kann nur bestätigen: wenn die Rahmenbedinungen und die personellen und fachlichen Ressourcen stimmen, kann das super sein. 

 Wenn nicht, kann allerdings auch eine Förderschule oder später eine 'Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) ein guter Ort für ein Kind bzw. einen Erwachsenen mit Behinderung sein. 

 Lola zumindest hat sich bisher auch in Arbeitsbereichen der Werkstatt oder in rein 'exklusiven Angeboten' ihrer Schule immer sehr wohl gefühlt. Und dort viel gelernt und viel Selbstbewusstsein gewonnen. Und beginnt ja auch jetzt den Berufsbildungsbereich in den Lindenwerkstätten. Weil sie da unbedingt hinwollte!

Am besten fand ich bisher eine gute Mischung: zum Beispiel ihre Werkstufenklasse nur mit Kindern mit Förderbedarf (für 12 Schulstunden die Woche) innerhalb der sonst inklusiven Schule. Oder auch den geschützen, hochstrukturierten Arbeitsbereich des Lindencafès, aber mit Publikumsverkehr aus dem Viertel. 

Denn solange die personellen und finanziellen Ressourcen und auch das fachliche Know-How nicht vorhanden sind, wie Menschen mit Behinderung gut inklusiv begleitet werden können, sei es schulisch und am Arbeitsplatz, kann das mit der Inklusion auch gründlich daneben gehen....

Mittwoch, 3. Juni 2026

Träume - Schäume?

 Wie lebt man, wenn große Träume schwer zu realisieren sind - weil man eine Behinderung hat? 

Lola ist 18 Jahre alt, hat Down-Syndrom, und will hoch hinaus: berühmte Sängerin werden, mit ihrem Mann auf einem Bauernhof leben und drei Kinder bekommen. Sie will Chefin einer Pizzabäckerei werden und eine Weltreise machen.

Ihre Träume inspirieren sie! Wieder und wieder malt sie sich aus, wie sie Konzerte gibt, umjubelt von ihren Fans. Probt Abend für Abend auf ihrer Zimmerbühne. Gerade war sie eine Woche auf einem Bauernhof mit Tieren, um ihrem Traum ein Stück näher zu kommen. Sie spielt Geige und lernt backen. 

Lola glaubt fest daran, eines Tages ihren Traum leben zu können - und ihre Visionen geben ihr Kraft, auch gegen alle Widrigkeiten in ihrem Leben, die sie oft geflissentlich ignoriert. 

Dass ihre Schritte winzig sind, sie weit davon entfernt ist, berühmt zu sein, keinen einzigen Song mit Text singen kann, Elternschaft für sie sicher schwierig wird und an Chefsein nicht zu denken, interessiert sie nicht. 

Illusionen - die Enttäuschung vorprogrammiert? Oder inspirierende Visionen, die ihrem Leben 'Sinn' verleihen? 

Spielen wir uns nicht alle im Grunde etwas vor? Halten an Visionen, Illusionen, Tagräumen fest, die uns Kraft und Flügel verleihen? Je höher und unerreichbar, desto besser? 

Vielleicht hat Lola damit intuitiv ein Geheimrezept für Lebenszufriedenheit entdeckt: Ich träume, also bin ich.

Donnerstag, 28. Mai 2026

Das Ende der Schulzeit naht...

Lola's Schulzeit neigt sich dem Ende zu. 12 lange Schuljahre in der inklusiven Waldorfschule, von der Lola gerade nur schweren Herzens Abschied nehmen kann.

Seit April ist Lola zwar noch offziell an der Schule, aber - anders als der Rest ihrer MitschülerInnen, die gerade ihre Realschulprüfungen hatten bzw. sich intensiv auf das Abitur im nächsten Jahr vorbereiten, macht sie für zwei Monate berufliche Praktika - außerhalb der Schule.

Was natürlich eine tolle Möglichkeit ist, in verschiedene berufliche Tätigkeiten hineinzuschnuppern und Arbeitserfahrungen zu sammeln, aber diese Zwischenzeit zwischen Schulzeit und Ausbildung bzw. Berufsbildungsbereich (BBB) in der Werkstatt, ist für Lola oft nur schwer auszuhalten. 

Ihr fehlt ihre Klasse, der Schulclub, die Schule, sie vermisst sie schrecklich. Gleichzeitig will sie sich gerne auf das Neue konzentrieren und die Schule am liebsten 'vergessen' (so sagt sie selber). Da es Ende Juni aber nochmal eine Abschiedswoche gibt, wo sie alle zusammen als Klasse zelten gehen und natürlich die große Abschlussfeier mit Zeugnisübergabe stattfindet, ist das mit dem Vergessen gar nicht so einfach für sie.   

Umso schöner ist es, dass sie bei verschiedensten Praktika auf andere Gedanken kommt und - so viel Freude hat.

 
Im Mai hat Lola ein vierwöchiges Praktikum in ihrem alten Kindergarten an der Heilandskirche gemacht - in der Hauswirtschaft! Und ihre alte Kindergartengruppe - die Pfarrhausflöhe - tatkräftig unterstützt. 
 
Sie durfte helfen beim Vorbereiten der Obstrunde, beim Tischedecken und der Essensausgabe, beim Abwaschen von Geschirr und beim Aufhängen und Zusammenlegen von Wäsche. Und hatte nicht nur große Freude dabei, sondern ist den Erzieherinnen eine echte Hilfe gewesen.

Jeden Morgen haben sie ihr eine Liste mit Tätigkeiten hingelegt, die sie zu erledigen hatte. Und mit wachsender Geschwindigkeit hat sie die ihr übertragenen Aufgaben immer selbständiger erledigt - so dass sie am Ende der vier Wochen oft schon weit vor der Zeit fertig war mit allem. Unglaublich! 

Nichts war zu spüren vom Zögern, sich Verkriechen, Verweigern, Bummeln, Weglaufen, was sie in der Schule oft zeigte. Nein, sie erfüllte ihre Arbeiten zuverlässig - und bis auf ein für sie typisches 'Mittagstief' (wo sie einmal sogar einschlief) und gelegentlichen 'Schuldrigkeiten', zeigte sie eine hohe Einsatzbereitschaft und schnelle Auffassungsgabe für die ihr übertragenen Aufgaben. Wahnsinn! 

Sie verstand sich auch super mit den total sympathischen Erzieherinnen, zeigte Humor, hatte Spass und kam immer gerne. Was für ein Erfolg!

Am Ende des Praktikums erzählte eine leitende Mitarbeiterin, dass zu Lolas Kindergartenzeit dort auch eine Hauswirtschaftskraft mit einer Behinderung beschäftigt war. Und wer weiß, vielleicht sei das ja auch mal eine Möglichkeit für Lola... Wow, wie toll wäre das denn?
 

Aber gut, jetzt wird Lola erstmal für zwei Jahre den Berufsbildungsbereich (BBB) einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) absolvieren und sich noch etwas weiter 'qualifizieren'. Wahrscheinlich im Bereich Hauswirtschaft und Küche, was ihr am meisten Spass macht. Und dann, mal schauen... 

Vielleicht kann sie in den nächsten Jahren die Kita an der Heilandskirche im Rahmen eines Praxisbausteins oder vielleicht sogar eines kleinen Arbeitsverhältnisses oder Außenarbeitsplatzes unterstützen? Noch Zukunftsmusik. Aber für mich zumindest ein echter Traum.

Gerade ist Lola erstmal für vier Tage auf dem Hof einer Bekannten an der Saale und hilft ihr bei der Versorgung der Tiere und bei allem, was so anfällt in Küche, Garten und Hof. Hier ein kleiner Eindruck von Montag, als ich sie dorthin gebracht habe, und sie sich sofort mit den drei Hunden angefreundet hat und nicht mehr von deren Seite wich.

 'Meine Traum wird wahr', sagte Lola mir, als wir ankamen. Denn vom Leben auf einem Bauernhof mit ganz vielen Tieren träumt sie schon seit Jahren. Es gehört fest zu ihrer Vision der Zukunft. Und ich habe mich riesig gefreut, dass sich meine Bekannte bereit erklärt hatte, dass Lola ein paar Tage mit dem Hof lebt und 'hilft'.

Morgen hole ich sie wieder ab und bin gespannt, wie es dort gelaufen ist, was sie erlebt hat und ob sie sich auch dort hat helfend einbringen können :-) Oder ob es doch eher als Tierstreichel-'Working'-Holiday gelaufen ist.

Sonntag, 17. Mai 2026

Mutter-Tochter an die Ostsee!

 
Am Himmelfahrtswochenende haben Lola und ich das Auto gepackt - und sind an die Ostsee gefahren. Kleine Mutter-Tochter-Auszeit. Ohne Computer und (Lolas) Handy. Natur pur.

Nur auf der Autofahrt durfte Lola ihr Handy nutzen: Musik hören, Videos gucken, Spiele spielen. 6 Stunden Medienkonsum pur. Doch kaum angekommen, ruhte das Handy für 3 Tage. Und wir hatten endlich mal wieder Zeit nur für Quatschen, Spielen, Spazieren, Steine sammeln, Malen, Lecker essen gehen...
 

Nachdem wir schon am ersten Abend das schöne 'Strandrestaurant' in Nienhagen ausprobiert hatten, wo Lola Lachsfilet mit Kartoffelgratin essen durfte und hellauf begeistert war, wollte sie von nun an jeden Tag dorthin. 'Meine Lieblingsrestaurant'. 

Gut, so üppig war das Urlaubsbudget dann doch nicht, aber am letzten Tag schlemmten wir nochmal dort, was Lolas absolutes Urlaubshighlight war! Vielleicht sollte ich das zu Hause auch mal wieder kochen :-)

Zu Hause sitzt Lola in letzter Zeit leider sehr viel vor dem Computer, wo sie ständig etwas recherchiert: Infos über Tiere, Natur, Geschichte, ihre Lieblingsbücher oder -serien abschreibt. Alles durchaus spannende Dinge, wo ich auch nicht wirklich etwas sagen kann. Aber sie ist kaum noch zu anderem zu bewegen. So dass es schön war, im Urlaub nicht ständig in Konkurrenz zu ihrem 'Computer-Baby' gehen zu müssen. Sondern einfach etwas zusammen unternehmen zu können.

Endlich konnten wir in Ruhe quatschen. nur wir zwei beide. Ohne Pavel. "Du immer nur mit Pavel reden. Über Pavel-Themen", beschwerte sich Lola zurecht. Aber diesmal durfte sie bestimmen. Ganz ohne Geschwisterkonkurrenz. 

Und so spielten wir beim Wandern am Strand von Warnemünde stundenlang 'Stadt Land Fluß' oder 'Wer bin ich?' (mit den Tieren von Woodwalkers, ihrem Lieblingbuch). Oder sie erzählte mir von ihrer Klasse, ihrer Kunstfahrt nach Italien, von Spanien und ihren Brüdern, wovon sie nicht müde wird, mir wieder und wieder zu erzählen.

Oft finde ich es gar nicht so einfach, mich auf die Gespräche mit ihr einzulassen. Zumal ich die meisten Dinge ja schon kenne, die sie mir immer wieder erzählt. Während ich selber beim Laufen am liebsten vor mich hinträume, nachdenke oder Fotos mache. Was sie oft verärgerte. 

"Nicht schon wieder Fotos machen, Mama. Komm jetzt!", schimpfte sie. Und ich spürte, wie ich selber ärgerlich wurde. Denn ich mag es überhaupt nicht, wenn mir jemand etwas verbietet. Und Fotos schießen macht mir einfach Spaß. Den Moment festhalten. Die Suche nach einem starken Ausschnitt. Es lässt mich die Farben und Kontraste noch intensiver wahrnehmen.

 

Während Lola einfach da war und guckte und sich freute. Sie brauchte das nicht festzuhalten.

Und eeigentlich war es ja auch ungerecht. Denn ich durfte mein Handy benutzen, sie aber nicht :-(

 Aber bis jetzt ist es einfach noch nie gelungen, dass sie das Handy einfach nur als Kamera nutzt. Sie will dann auch gleich chatten, Musik hören, telefonieren, und ist gar nicht mehr davon wegzubekommen. Weswegen diese Handysperre oft die einzige Möglichkeit ist, wieder normal mit ihr interagieren zu können.

 

Und während ich meine Fotos schoß, rannte Lola quietschend und hüpfend vor Freude über die Seebrücke von Heiligendamm, sich drehend im Wind. Oder sammelte Unmengen von Feuersteinen - die sie zu Hause anmalen und dann verkaufen will :-) (So ihr neuer Plan, um zu Geld zu kommen). 

Und beim ersten Strandspaziergang wollte sie natürlich auch gleich ihre Füße ins Wasser stecken. Am liebsten wäre sie ganz rein gesprungen. Nur nachdem sie dann den Rest des Spaziergangs mit Sand in ihren Schuhe zu kämpfen hatte, da wir kein Handtuch zum Abtrocknen dabei hatten, ärgerte sie sich selber über ihre Idee. Und zog nicht nochmal ihre Schuhe aus. 


Begeistert war sie auch vom 'Gespensterwald', diesen verknorpelt und feenartig verwachsenen Buchen, Eichen und Eschen, die ihre langen Arme nach oben recken - und im Nebel sicher ganz unheimlich aussehen.


 Ach, schön war's! 

 Auch wenn ich heut Abend doch etwas platt bin von der langen Autofahrt und der vielen 1:1 Zeit, was ich gar nicht mehr gewöhnt bin. Aber für unser Mutter-Tochter-Verhältnis war es super. Denn zu Hause streiten wir gerade oft sehr viel rum oder motzen uns an. Und davon war in diesen Tagen kaum etwas zu spüren.

Gerade eben kam sie zu mir ins Wohnzimmer, kroch zu mir auf's Sofa und gab mir einen Kuss. 'Schlaf gut Mama, bis morgen!" Das hat sie lange nicht gemacht...

Sonntag, 5. April 2026

Bin erwachsen - ich darf das!

 Lolas Lieblingsspruch seit ihrem 18. Geburstags. 'Bin erwachsen - ich darf das!", mit dem sie auf ihren vielen neuen Rechten beharrt. Gut, Recht hat sie. 

Aber sie hat auch Pflichten, dachte ich mir heut. Als sie mal wieder zu spät zum Frühstück kam, und ihren Toast nicht aus dem Toaster nehmen wollte. "Zu heiss, kann nich. Du machen!", während sie sich schon bequem auf den Sessel fläzte. 

Ich, gerade noch gemütlich Bch lesend, wollte schon aufspringen, wie immer, die überfürsorgliche Mutter. Aber heute, nein. 'Sie kann das doch selbst', dachte ich mir. 

Ein Riesengeschrei, Gewimmer, Flehen und Diskutieren von Lola, warum das nicht geht. Heute nicht und morgen auch nicht. 

Aber ich - blieb hart. Ich sah es einfach nicht mehr ein. 

Nach 10 Minuten(!) Diskussion, als ich kurz mal zum Luftholen aus der Küche ging, holte sie den Toast dann doch schwupps raus und legte ihn auf ihren Teller. Was für ein Akt, aber immerhin. 

Mittags dasselbe. Als ich sie bat, die in der Pfanne bratenden Nudeln in der Pfanne umzurühren und ein paar Eier reinzuschlagen, während ich kurz das Bett neu bezog, dasselbe:

'Kann nicht, zu heiss. Du machen, Mama!" Als ich darauf bestand, Riesengeschrei, Heulen, kreischende Vorwürfe, das sei meine Aufgabe. Ich kochte innerlich. 

Aber - ich blieb hart. 

Und als ich kurz mal raus ging, frische Luft schnappen, schlug sie schwupps zwei Eier in die Pfanne, deckte den Tisch und goß sogar ihre glutenfreien Nudeln ab. Was gerade noch in ihren Augen eine Zumutung und Gefährdung für sie gewesen war. 

"Nich gucken, Mama. Ich kann das alleine machen!", sagte sie  lapidar, als ich sie besorgt beim Abgießen des kochenden Wassers beobachtete. 

Chacka! Selbst ist die Frau. Aber was für ein Akt.

Nachmittags wiederholte sich das Spiel. Lola im Garten. Plättete mit ihrem Jackenärmel die Maulwurfshügel, statt mit Handschuhen die Erde in einen Eimer zu schippen und ins Beet zu kippen. 

Ich war diesmal wirklich verärgert, denn die Jacke lässt sich nicht gut waschen, und auf dem festgestampftendrückten Boden wächst auch kein Gras mehr. 

"Egal. Meine Jacke. Meine Gras. Will nicht", war Lolas erboster Kommentar. Stocksauer schaufelte ich selber die Erde weg, hatte keine Lust mehr auf ihr Geschrei. Vielleicht auch keine Kraft mehr. 

Doch als sie nach 20 Minuten anfingen zu quengeln, sie wolle wieder nach Hause, wurde es mir zu bunt.

 "Wir gehen, wenn die Beerensträuchter eingepflanzt sind, die Hibikushecke geschnitten und das vertrocknete Chinagras abgeschnitten ist. Und wenn Du mir hilfst, schaffen wir das schneller.  Du entscheidest." 

Und ohne sie weiter zu beachten, schaufelte ich Pflanzlöcher für die Himbeeren und Stachelbeeren. Und war froh, auf einmal nichts mehr von ihr zu hören. Bis ich es am Gartenzaun schnippen hörte. 

Ich glaubte meinen Augen kaum. Da stand sie doch tatsächlich mit der Gartenschere und schnitt die gesamte Hibikushecke auf Brusthöhe ab. Brachte alle abgeschnittenen Zweige in der Schubkarre auf den Kompost! Und kürzte dann auch noch das Chingras. Unglaublich, so viel hat sie noch nie alleine im Garten geholfen. Und, sie schien sogar Spass daran zu haben.

"Ich bin fertig, Mama. Gehen wir?", fragte sie am Ende. Klar, das machten wir dann natürlich auch. Leider, denn eigentlich wäre ich bei dem schönen Wetter noch gern länger geblieben. Aber gut, ihren Fleiss musste ich (leider) belohnen.

Hatte mein Insistieren am Vormittag auf ihren Pflichten und dem Einsatz ihrer Fähigkeiten doch gefruchtet?

Weit gefehlt, denn als ich ihr am Abend sagte, sie müsse gleich nach dem Abendessen noch Duschen und Haare waschen, wieder ein Orkan an Protest und Ausreden und wütenden Flüchen. Unglaublich. Echt kräftezehrend. 

Aber: ich blieb hart. 

"Lola, heute hast Du schon dreimal einen Riesenaufstand gemacht, weil Du keine Lust auf etwas hattest, um das ich Dich gebeten habe. Aber am Ende musst du es ja doch machen. Spar Dir doch einfach Deinen Protest. Ist reine Energieverschwendung." 

Doch ihre Litanei ging weiter.

"Alternativ kannst Du aber auch die Wäsche aufhängen", meinte ich lapidar und begann, die Wäsche aus der Waschmaschine zu holen, um sie ihr in die Hand zu drücken. 

"Ich muss gehen", sagte sie und verschwand aus der Küche. 

"Duscht Du dann gleich?", rief ich ihr hinterher. 

'Mal gucken', sagte sie. Doch eine Viertelstunde später rauschte die Dusche im Bad, und ohne weiteren Protest duschte sie, wusch sich die Haare und föhnte sich auch noch. 

Frisch und sauber duftend kam sie dann stolz in die Küche und warf sich die langen, noch nassen Haare nach hinten. Was für ein Erfolg! 

Also, ich hoffe, dass es morgen alles leichter wird. 

Aber wahrscheinlich muss ich zwei Monate lang jeden Tag viermal so konsequent sein, damit sie vielleicht auch mal ohne Protest etwas macht, worum ich sie bitte. Vielleicht aber auch nicht. 

Drückt mir die Daumen, dass ich weiter die Kraft finde, trotz ihrer Proteste konsequent zu bleiben. Den. es scheint ja zu wirken.

In diesem Sonne - frohe Ostern!

Dienstag, 24. März 2026

Ein Bierchen zum Frühstück

 Als ich am Samstag vom Sport zurück nach Hause komme, sitzt Lola fröhlich an ihrem Schreibtisch und 'arbeitet'. 

Sie schreibt alte Texte aus ihrem Geschichts-Hefter ab, über die DDR. Von der Sowjetischen Besatzungszone, über die Staatsgründung, den Mauerbau bis zur Wiedervereinigung.  Ein selbstgewähltes Projekt von ihr. 

Ich freue mich über ihren Fleiß. 

Auf ihrem Tisch sehe ich ein Glas mit einer limonadenartiger Flüssigkeit stehen. 

"Oh, hast Du Dir Limo gekauft?", frage ich.

"Nein Mama, keine Limo!", antwortet sie fast entrüstet. "Trinke Bier!" 

"Was?" frage ich entsetzt.

War sie wieder im Konsum? Letzte Woche die Berge an Süßgkeiten und jetzt ein Bier!!? 

"Aber wie hast Du das geholt?", frage ich. Denn sie hat immer noch ihren Schlafanzug an. "Hoffentlich wenigstens mit einem Mantel drüber!"

"Ne, von deine Balkon", erklärt sie. 

Oh ja, die Reste von der Geburtstagsparty neulich. Puh, wenigstens war sie  nicht im Schlafanzug auf der Strasse, so wie neulich mal.

Dennoch. Es ist 12.30 Uhr. Keine Zeit, um Bier zu trinken. Selbst nicht für Normalbürger. 

Sie nimmt demonstrativ einen Schluck aus dem Glas und schaut mich keck an. "Ja, Mama. Bin 18. Ich darf das!" 

Ja, naja. Ich hatte sie immer mal eingeladen, einen Schluck Wein mit uns zu trinken. Nach dem Theaterstück in der Schule hatte sie sogar mal einen Sekt getrunken. Aber sich am Vormittag ALLEINE ein Bier zu öffnen, geht dann doch irgendwie zu weit. 

So hatte ich mir das mit der Selbständigkeit wirklich nicht vorgestellt. 

"Aber Lola, es ist noch vor Mittag. Da trinkt man eigentlich kein Bier", versuche ich zu erklären. Ohne sie zu sehr zu bevormunden. 

"Doch, ich schon!", kontert sie und nimmt noch einen Schluck. 

Ich versuche zu erklären: "Aber davon wird man ganz wuselig im Kopf. Das ist Abends mal ok, aber vormittags wird man da ganz durcheinander. Und kann gar nicht mehr klar denken. Ich trinke nie tagsüber ein Bier!", erkläre ich, tatsächlich relativ wahrheitsgemäß. 

"Mama!", sagt sie vorwufsvoll. "Bin 18, und trinke Bier. Ich kann das."

Mannomann. Mal schauen, was als nächstes kommt. 

Am Nachmittag stand das Bier zum Glück immer noch im Glas auf ihrem Tisch - mittlerweile schal geworden. Zum Glück scheint sie nicht auf den Geschmack gekommen zu sein.

Sonntag, 15. März 2026

Alleine einkaufen

 Obwohl Lola mit 6 Jahren ohne Probleme beim Bäcker Brötchen holen ging, hat sie sich in den letzten Jahren strikt geweigert, alleine in ein Geschäft zu gehen und etwas zu kaufen. 

Erst im letzten Jahr hatte ich sie endlich soweit, sich alleine eine Flasche Apfelschorle zu kaufen - während ich vor dem Laden gewartet hab.

Denn sie LIEBT Apfelschorle. "Bin süchtig!", sagt sie.

Und von da an kaufte sie sich nun auch öfter mal selber eine im REWE auf dem Rückweg von der Schule.

Letzte Woche nun ein grosser Meilenstein: sie ging alleine zum Konsum bei uns um die Ecke, um glutenfreie Fischstäbchen zu kaufen, weil sie im Hauswirtschaftsunterricht mit der Werkstufe kochen wollten: Kartoffelbrei, Spinat und - Fischstäbchen. Ein Rezept aus ihrem Koch- und Backbuch, das sie in der 8. Klasse selber geschrieben hat. 

Es war ganz und gar ihre eigene Idee, die Fischstäbchen dort zu kaufen. Und zwar mit ihrem eigenen Taschengeld. Nachdem es im Rewe an der Schule keine glutenfreien gab, als sie mit der Klasse dort welche kaufen wollten.

Was für ein Schub an Selbständigkeit, dachte ich mir. Wow! 

Gekocht hat sie das ganze Rezept dann in der Schule natürlich auch noch. 

Und gestern musste sie nun den ganzen Tag alleine zu Hause bleiben, da ich arbeiten musste. Was sie öfter mal macht, und was immer super funktioniert. Und als ich abends wiederkam, gespannt ob alles funktionert hatte, erzählte sie stolz, dass sie wieder im Konsum war, um Apfelschorle und ein paar andere Sachen zu kaufen. Sie hätte Hunger gehabt. 

"Ich Dir zeigen, Mama", sagte sie, rannte in ihr Zimmer und kroch unter den Tisch. Wieso hatte sie das Essen denn da gelagert, wunderte ich mich?

Aber nein, sie zog den Mülleimer heraus! Und fischte drei Tüten heraus. Eine Chipstüte, eine Gummibärchentüte und eine Packung Schokolade. Alle leer!!! 

"Alleine gekauft", sagte sie überstolz. 

"Und alle gegessen? Alleine?", fragte ich entsetzt. 

"Ja, hatte Hunger! Nix zu essenda" antwortete sie und deutete strahlend auf ihren Bauch. "Jetzt der Bauch voll!"

 "Aber du kannst doch nicht soooo viele Süßigkeiten essen. Da wird Dir doch voll schlecht. Du darfst Dir nie wieder so viel Süßzeug kaufen alleine." 

"Doch!, war ihre Antwort. "Meine Taschengeld!"

Das kann ja heiter werden. Die zunehmende Selbständigkeit hat leider auch ihre Schattenseiten.

Freitag, 13. Februar 2026

Auszeit in Halle-Neustadt

Diese Woche hatte ich ein paar Tage kinderfrei - alle Kinder ausgeflogen in diverse 'Lager' (Schulclub, Chor), und ich gönnte mir mal nen kleinen Trip ganz alleine. 

Um meine Serie an Misserfolgen nicht abreissen zu lassen, hab ich mir die schönste Stadt der Umgebung ausgesucht: Halle-Neustadt. Ein wahres Zeugnis sozialistischen Wohnungsbaus.

Drei Ballspieler: Rudolf Hilscher

Um ehrlich zu sein, ich hatte eigentlich einen Kurztrip nach Halle gemacht, und mir da ein kleines feines AirBnB gemietet. Das beste und günstigste, was mir die Plattform am Abend vorher ausgespuckt hat, als ich im Umkreis von 150 km um Leipzig eine Unterkunft gesucht hab. 

Denn ich wollte mal wieder raus aus den vier Wänden, durch Cafes und Strassen bummeln - und an meinem neuen Buch weiterschreiben. Ohne durch Aufräumattacken, liebe Freunde, Bürokram und sonstige Haushaltsaufgaben - davon abgehalten zu werden.

Chemiebrunnen: Irmtraud Ohme


Und das mit dem Schreiben klappte in Halle auch ganz gut - drei Kapitel in drei Tagen! Was die Qualität angeht, bin ich noch nicht so sicher. (Ich frag gleich mal Chat-GPT, was es davon hält). Aber mein Pensum war geschafft. Puh! 

Nur das mit dem schön Ausgehen, Bummeln, Cafes, Ausstellungen, das fand nicht auch noch Platz in den Tagen leider. Denn wenn man alleine ist, und keine klaren Aufgaben hat (außer schreiben), ist der Tag nullkommanix vorbei: mit Aufstehen (1 h), Duschen (1h), Frühstücken (1h), Überlegen, wo man hingeht (1h), langsam losgehen (1h), nochmal umdrehen (1h), usw.. Was lob ich mir die Kinder. Die halten einen wenigstens auf Trab.

Wenigstens am Abreisetag wollte ich noch ein bisschen von Halle sehen (außer der Saaleaue, die kannte ich mittlerweile). Und wie es das Schicksal wollte, fiel mein Blick auf einen Stadführer, der im AirBnB stand: Halle-Neustadt! Da, wo man nie aussteigt oder immer schnell dran vorbeifährt. Vergleichbar mit Berlin-Marzahn oder Grünau in Leipzig.

Nasreddin Brunnen: Bernd Göbel

Aber gut: man muss antizyklisch Urlaub machen: und dahin fahren, wo alle wegwollen. Und da der Stadtführer natürlich der Ansicht war, dass Halle-Neustadt unbedingt einen Besuch wert ist und nicht nur schöne Feinschmecker, sondern auch Kunst-Touren anbot, stapfte ich los. Um mir die dort angespriesene Skulpturen-Kunst im öffentlichen Raum anzuschauen. 

Denn die vielen Skulpturen von DDR-Künstlern sind mir auch schon in Leipzig immer wieder aufgefallen und ein Foto wert gewesen. Sozialistische Kunst unter freiem Himmel - natürlich allesamt Freikörperkultur.

Turnende Kinder


Und obgleich der dreistündige Fussmarsch im Regen durch gewaltige Häuserschluchten sich doch empfindlich zog, hab ich alle versprochenen Skulpturen, Brunnen und bemalten Häuserwände abgewandert - viele sogar abgelichtet - und mich durchaus an den Werken erfreut. Und wieder einen Blick in eine vergangene Zeit erhaschen können.

Und als ich kurz etwas schwächelte, hab ich ein spontanes Päuschen in der Passage 13 eingelegt, einem Kulturzentrum / Nachbarschaftstreff auf der Neustädter Allee - und einen tollen Ort kennengelernt, wo jeder der mag Billard, Tischtennis oder Theater spielen kann. Malen, Basteln oder Handwerken. Mit allen Utensilien, die das Herz erfreuen. So was sollte es überall geben!

Spontan wurde ich ich von den herzlichen Leuten eingeladen,  doch bei einem Quiz mitzumachen: gemeinsam mit einer bunten Mischung an Schülern, Senioren und liegengebliebener Heimatloser (wie mir). 

Doch nachdem ich im Quizteil zur Allgemeinbildung, nur 3 von 8 Punkten bekam - und alle anderen besser abschnitten als ich - hab ich mich unauffällig davon gemacht, mit dem Hinweis, dass ich leider leider keine Zeit mehr hab. Muss ja noch Skulpturen angucken! 

 

Turnende Kinder

Wenn Ihr also auch mal was anderes wollt, als die ewig kuratierten, gut klimatisierten, pädagogisch wertvollen Museen und Ausstellungen, dann macht Euch einfach mal zu Fuss auf: nach Halle-Neustadt! Denn bei schönem Wetter und mit guten Schuhen ist es durchaus einen Besuch wert.


Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift: Josep Renau


Frauenbrunnen: Gerhard Lichtenfeld