Montag, 21. September 2026

Sonntag im Bildermuseum

Am Sonntagnachmittag gehen wir fast immer zum Caracan, einer spanischen Bar mit Freisitz im Leipziger Auwald. Doch angesichts des Dauerregens, war Lola gestern ganz und gar nicht begeistert von dieser Idee. 

"Will Schwimmbad gehen", sagte sie. Aber mir war fröstelig. 

"Vielleicht mal wieder ins Museum?", fragte ich vorsichtig. Denn in den letzten Monaten war das ein absolutes No-Go für sie. 

"Museum, aber nur mit Bildern".

Ja klar, was sonst, dachte ich. "Vielleicht ins Bildermuseum?, fragte ich. Und zu meiner grossen Überraschung hatte sie sofort Lust. 

Immerhin waren wir dort einmal zusammen bei der Ausstellung der mexikanischen Künstlerin Olga Costa, deren Bilder Lola begeistert hatten. Stundenlang hatte sie vor deren farbenfrohen Bildern gestanden und sich gar nicht satt sehen können. Wohingegen die hochgelobte Rembrandt Ausstellung sie eher gelangweilt hatte. 



Ich selber mag die Ausstellung alter DDR-Künstler:innen im Rahmen von Bilderkosmos # 3 im Bildermuseum (MdbK) sehr und dachte, dass ihr das vielleicht auch gefallen könnte. Also abgemacht, um 15 Uhr ging es los. Mit Regenklamotten sicher eingepackt, auf zum Kulturausflug. 

 Doch leider sagten ihr die meisten Bilder ganz und gar nicht zu. 

 

Einzig und alleine Bilder mit geometrischen Formen, so wie Hermann Glöckners 'Verklammerung' mochte sie sehr. Und einige Landschaftsbilder, u.a. der 'Schule von Barbizon'. 


Auch einige Skulpturen fand sie ganz spannend. Aber ansonsten erweckte Weniges ihre Begeisterung. 

Doch verblüfft blieb sie plötzlich an einem Werk stehen, mit dem Ausruf. "Da ist Napoleon! Kenn das, aus Geschichte!" Tatsächlich, da saß er. Ich hätte ihn nicht erkannt...

Nach einem kurzen Rundgang durch alle Etagen gingen wir dann aber doch lieber gemütlich Kuchen essen und Kaffeetrinken, in der Pinguin Eisbar am Marktplatz. Wo ich in 23 Jahren in Leipzig noch nie war. Auf jeden Fall eine schöne Neu-Entdeckung. 

 

So haben wir - dem Regen sei Dank - gesten einen ganz schönen Sonntagnachmittag verlebt. Mit Kultur & Kuchen.

Sonntag, 20. September 2026

Musst Du träumen, Mama!

Heute früh war ich trotz Ausschlafens noch etwas müde und saß mit leichten Kopfschmerzen am Frühstückstisch. Der Wetterwechsel, was auch immer. 

"Mama, Du müde?", fragte Lola. Ich nickte. 

"Musst Du Joggen gehen, Freunde treffen, oder Tanzen gehen!" Drei Möglichkeiten. Dann, du besser. Brauchst das!", sagte sie und grinste mich an. Ich nickte. Wie gut sie mich kennt.

Dennoch blieb ich etwas in mich gekehrt sitzen. In Gedanken an jemanden, den ich gerne mag. Eine Sympathie, die aber leider nicht für mich sichtbar erwidert wird. 

"Du traurig?", fragte Lola. Eine messerscharfe Leserin meiner Emotionen. Wieder nickte ich.

"Du denken an M?", fragte Lola. 

"Nein nein", sagte ich schnell. "Ich glaube, ich hätte nur gern mal wieder einen neuen Freund". 

"Mama! Du musst erst träumen von Deine Freund. Dann alles gut!"

"Selbst ist die Frau" - alleine zu Hause

Gestern musste (durfte) Lola den ganzen Tag alleine zu Hause bleiben, weil ich beruflich unterwegs war. Sie hatte sich schon die ganze Woche auf 'Sturmfrei' gefreut. Vor allem, da sie an solchen Tagen immer ihren Computer ganztägig nutzen darf - zum Musik hören, Videos gucken und für Internetrecherchen. Kein Wunder, dass sie voller Vorfreude war. 

Den ganztägigen Medienkonsum stellte ich aber unter eine Bedingung. Dass sie eine Reihe von Aufgaben im Haushalt erledigen sollte, die ich alle auf einen Zettel schrieb, mit Feldern zum Abhaken dahinter.  

"Klar, Mama! Mach ich alles!", versprach sie mir am Morgen hoch und heilig. "Bin gross. Schaff das!" Und rannte in ihr Zimmer, um Geige zu üben. Die erste ihrer 'Aufgaben'.

Gespannt stieg ich ins Auto, ob sie wohl ihr Versprechen halten würde.

Als ich am Abend die Wohnungstüre aufschloss, roch es nach gebratenen (eher etwas angebrannten) Nudeln. Beim Blick in die Küche sah alles ordentlich aus, nur auf der Anrichte zwei leere Teller und im Regal die Pfanne, mit schwarzen Resten einer Kruste. 

Oh, da war der Blumenkohl-Auflauf, den sie sich in der Pfanne warm machen sollte, wohl etwas dunkel geworden. Aber sie schien ihn wirklich aufgewärmt und gegessen zu haben. Und hatte sogar die Pfanne danach geschrubbt. Die Reste des angebrannten Essens klebten noch in der Spüle. NUn gut, wo gehobelt wird, da fallen auch Späne.

Neugierig schaute ich mich auch sonst um. Die Spülmaschine war tatsächlich ausgeräumt. Der Plastikmülleimer leer, sogar eine neue Tüte drin. Die Wäsche war zusammengelegt, die nasse Wäsche aufgehängt. Irre! 

Vorsichtig klopfte ich an ihr Zimmer. In ihrer schönsten Festtagskleidung und perfekt geschminkt saß sie vor dem Sofa und hörte tiefenentspannt Musik. Grinste mich zufrieden an und deutete stolz um sich in ihr Zimmer. Der Boden war aufgeräumt und gesaugt! Aller Krismkram lag eine Etage höher auf ihren Regalen.

Leider hatte ich keine Chance, ihre meine Freude auszudrücken, denn umgehend warf sie mich aus ihrem Zimmer. "Geh bitte, Mama. Will weiter in Ruhe Musik hören!" Und wollte auch nicht zu mir in die Küche kommen, um vom Tag zu erzählen.

Tja, hab ich als Mutter wohl bald ausgedient :-)

Dienstag, 15. September 2026

Langsam Ankommen in der 'Werkstatt'

Lola kommt langsam n der neuen 'Lernumgebung' der Lindenwerkstätten an, wo sie gerade das Eingangsverfahren (EV) begonnen hat. Um zu schauen, ob der dortige Berufsbildungsbereich (BBB) und die Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) der richtige Ort für sie sind - so zumindest das offizielle Ziel des Eingangsverfahrens. 

Nachdem sie am ersten Tag Feuer und Flamme mit ihren Arbeitsklamotten in die Werkstatt ging, um direkt im Lindencafe in der Küche durchzustarten - so ihr Plan, waren die ersten Tage für sie doch etwas 'ernüchternd'.

Denn statt den Kochlöffel zu schwingen und hinter dem Herd zu stehen, lernte sich die neue sechsköpfige Ausbildungsgruppe erstmal in Ruhe kennen. Es galt Arbeits- und Brandschutzvorschriften kennen zu lernen, das Haus zu erkunden, alle Gruppen und die Namen der Gruppenleiter zu lernen. Und einiges an Papierkram zu erledigen. Was Lola zusehends frustrierte. 

"Langweilig", sagte sie am Ende der ersten Woche. Und plante schon, wo sie nach ihrem zweijährigen BBB  hinwechseln will. 

Mitte der zweiten Woche versteckte sie sich beim Herbstfest erstmal eine Stunde in einer Besenkammer und war nicht mehr auffindbar. 

Mein Mutterherz war in hellem Aufruhr. Denn nichts fällt mir schwerer, als Lola unglücklich zu sehen. War die Werkstatt dort doch nicht der richtige Ort für sie? War sie unterfordert? Oder von den vielen Leuten dort überfordert? Fehlten ihr Strukturen? 

Es fiel mir schwer, ihren anfänglichen Frust auszuhalten - nach 12 langen Schuljahren in der bunten und heimeligen Waldorfschule, aus der sie (fast) immer strahlend zurückkehrte. Fieberhaft überlegte ich schon die verschiedensten Alternativszenarien. 

Wie schwer es mir doch fällt, diesen Übergang und die damit einhergehenden Gefühle zu ertragen. Dass nicht immer alles gleich wunderbar ist und Lola begeistert. 

Doch als sie Ende der letzten Woche über zwei Tage lang mit dem dem Hamet e+ auf ihre handwerklich-motorischen Basiskompetenzen getestet wurde, wurde sie zufriedener. Erst war sie zwar sehr frustriert, weil sie nicht alles super konnte (wie auch), aber schien sich dann doch ganz gut geschlagen zu haben. Am Freitag  kam sie strahlend und stolz zurück nach Hause. "Super gelaufen", sagte sie. "Nur neun Fehler". Wo auch immer sie das her hatte. 

Oft ist sie in solchen Test- oder Prüfungssituationen furchbar ehrgeizig, und frustriert, wenn sie nicht alles gut kann. Wollte auch in der Schule immer eine 1 haben. Aber nachdem sie verstanden hatte, dass sie mit dem 'Hamet' nur schauen wollten, welche Komptenzen sie schon gut entwickelt hat und dass sie nicht 'durchfallen' kann, entspannte sie sich. Aber immerhin, sie hatte etwas Konkretes zu tun und konnte sich beweisen. 

Am gestrigen Montag ging sie dann zum ersten Mal wirklich vorfreudig 'zur Arbeit'. Sie scheint sich in der kleinen Gruppe immer wohler zu fühlen, mag ihre Bildungsbegleiterinnen und die Ergotherapie-Praktikantin sehr. Und hat auch zusehends Spass an den ersten kleineren Arbeiten im Gruppenraum. Eine Tasche bedrucken, einen Papierkorb aus Altpapier basteln (Up-Cycling), Pommes & Burger selber machen... 

Auch die gemütlichen gemeinsamen Runden mit Kaffee / Tee und Gesprächen, beginnt sie zu mögen.  Und so kam sie in den letzten beiden Tagen doch ganz fröhlich und zufrieden von 'der Arbeit' zurück. Und meine Mutterseele entspannte sich zusehends.

Dem Ankommen in der neuen Umgebung der Werkstatt und dem gegenseitigen Kennelernen wird dort im Eingangsverfahren doch sehr viel Raum gegeben. Was ich selber auch nicht so erwartet hatte.

Zum Glück hatte ich gestern noch ein kurzes Gespräch mit der Leiterin des Begleitenden Dienstes, die mir sehr nett und offen noch einiges über den weiteren Ablauf des BBB erklärte, wie auch berufliche Weiterentwicklungsmöglichkeiten über Praktika und den Übergang in den Arbeitsbereich nach den zwei Jahren. So dass ich langsam zu verstehen beginne, wie alles abläuft und mich in den neuen Lebens- und Arbeitsort von Lola hineinentspannen kann. 

Ich werde weiter berichten :-) 

Montag, 7. September 2026

Beim Wincent Weiss Konzert!!!

Letzten Freitag wurde Lola's Traum wahr - und wir waren beim Wincent Weiss Konzert in Magdeburg. Ein Geschenk ihrer Klasse zu ihrem 18. Geburtstag!!! 


Trotz Sommerkonzert - fiel Regen in Strömen. Doch gut gewappnet mit Greta's ultradichter Regenjacke konnte selbst der Dauerregen Lola nichts anhaben. Und ihrer Stimmung erst recht nicht. 


In selbstbewusster Lola-Manier boxte sie sich kurz vor Konzertbeginn einfach durch nach Vorne - gegen den heftigen Protest der lange schon Wartenden, und ich mich vielfach entschuldigend hinterher. 'Leider leider, meine Tochter mit Down-Syndrom, nicht aufzuhalten", murmelnd. Obgleich Lola hier durchaus aufzuhalten gewesen wäre. Aber ach, weiter vorne ist es doch viel viel Schöner. Und so lange Stehen wäre ihr nicht zuzumuten gewesen, dachte ich entschuldigend für mich. Kleiner Nachteilsausgleich sozusagen. 


 

Lolas grosser Held. Wincent Weiss. Dessen Lieder auch ich mittlerweile auswendig kann, weil sie permament im Autoradio laufen. Lieder von Einsamkeit, dem Wunsch nach Familie, nach Ankommen.. Lieder von neuer und verlorener Liebe, die ich zu meinem Erstaunen sogar ganz gerne mag. Ehrlich, authentisch, tiefen Einblick in seine Seele schenkend. Bei Lola wie auch Tausenden andere junger (und älterer) Frauen trifft er auf eine grosse Fangemeinde! Der Männerteil lag bei höchstens 20%, allesamt Begleiter oder Väter, textsicher waren die definitiv nicht.


Finally, begann das Konzert. Und Wincent Weiss direkt vor uns, auf einem Extralaufsteg, zum Greifen nah. Als er sich vom Publikum auf Händen durch die Menge tragen liess, musste auch ich unfrewillig mit anpacken, damit er nicht abstürzte :-) Sowas hatte ich noch nicht erlebt. Nur Lola war leider zu klein, um ihn auch auch zu berühren... 


Überglücklich grölte und sang sie lautstark mit, alle Songs auswendig natürlich. Sprang auf und ab. Zum Glück hörte der Regen auf, kaum dass das Konzert begonnen hatte. So dass die lästigen Regenhüllen fallen konnten.

 

Was für ein Konzert, was für eine Freude!!! Insgesamt 5 Stunden stand Lola insgesamt an diesem Abend auf den Beinen, ohne jeden Protest. Nur am Ende klagte sie über Knieschmerzen, weil sie so wild herumgesprungen war.

Nur leider konnten wir am Ende kein Foto von ihm und Lola gemeinsam machen. Was ihr ultimativer Traum gewesen wäre. Denn ich ließ mich nicht davon überzeugen, es zu versuchen. zu Lolas grossem Ärger. Aber die Wahrscheinlichkeit erschien mir einfach zu gering, ihn an irgendeinem Hinterausgang noch rechtzeitig abzupassen. 


 Danke liebe (ehemalige) Klasse 12 für dieses tolle Geschenk an Lola. Ja, was man als Mutter alles so miterleben darf (oder muss). Dem B-Ausweis von Lola sei Dank, der mir ein kostenloses Begleitticket ermöglichte. Irgendeinen Vorteil muss so eine Behinderung ja haben :-)

Montag, 31. August 2026

Glück ist eine Frage der Entscheidung

 In den letzten Wochen hatte ich Zeit, alle Zeit der Welt. Ohne Kinder, ohne Lola. Ich hätte große Sprünge machen können, alleine den ganzen Jakobsweg wandern können. Durch die Türkei reisen. Oder mein neues Lola Buch druckfertig schreiben können. 

Aber ich hatte nicht den Elan. Nicht die Kraft. Nicht das klare innere Bild in mir, wie es aussehen sollte. Und ich pendelte hin und her zwischen unserem Garten, dem Cospuender See und unserer Wohnung. Wechselte zwischen dem Gesang der Amseln und dem abendblauen Himmel unter unserm Kirschbaum, einfach nur sitzend und atmend. Und dem konzentriertem Schreiben an meiner Rohfassung über Lolas Schulzeit. Traf mich mit alten Freunden, ging ins Freiluftkino. Sprang wieder und wieder in den Cossi, lag lesend am Strand. Zeitlose Stunden eigentlich, aber eine rechte Sommerstimmung wie ich sie von anderen Sommern kannte, kam nicht auf. 

In meinem Kopf ratterten Gedanken, wie Züge, die nie anhielten. Jedensfalls nie da, wo sie meinem Plan gemäß halten sollten. Alte Erinnerungen der letzten Jahre tauchten auf, unvermutet. Verdrängte Gefühle von Alleinsein, Traurigkeit, Hilflosigkeit. Ein tiefer Schmerz, verlassen zu sein. 

Ohne die festen Strukturen und Geländer des Alltagslebens, ohne die lebensfrohe und quirlige Art der Kinder, die natürlich viel von mir fordern, aber immer auch Ideen, Lebensenergie und Lachen schenken, fühlte ich mich an vielen Tagen einfach nur verloren und einsam. 

Selbst wenn ich Freunde sah, oder mit ihnen telefonierte, Bekannte am Strand traf, blieb eine tiefe Melancholie zurück - trotz aller Hitzetemperaturen. Das Gefühl einer großen dunklen Wolke, die alles vernebelt und vor mir und meiner Zukunft steht.

"Das sind alles Symptome einer Depression", sagte mir eine Freundin, als ich ihr klitzeklein jede noch so kleine Missstimmigkeit meiner Tage darlegte, mit ihrem psychologischen Sachverstand. 

"Ne, also, ne depressive Verstimmung vielleicht", sagte ich abwehrend. Erschreckt, dass ich ihr gegenüber wohl doch zu ehrlich und auch dramatisch gewesen war, an diesem innerlich besonders grauen Tag. Aber doch ein kleiner Warnschuss. Denn ich merkte, wie ich mich doch hineingesteigert hatte in meine eigene Missempfindungen. 

Oder hatte ich mich doch zu ehrgeizig in meine Schreibprojekte hineingestürzt? Mir selber zu viel Druck gemacht? Anstatt einfach ein bisschen in den Tag zu leben, meiner eigenen Energie zu folgen und - zu entspannen. Als müsste ich jemandem etwas beweisen.

Vielleicht fehlte mir auch nur einfach ein lieber Mensch an meiner Seite. Denn solange die Kinder da sind, habe ich genug zu tun und bin nicht allein. Aber in diesem langen Sommer alleine merkte ich doch schmerzlich, dass der Mensch nicht für's Alleineleben gemacht ist, zumindest nicht dauerhaft. Und ich erst recht nicht. Sozial und aufgeschlossen wie ich bin. 

Und ich kam viel zu viel ins Denken und Grübeln und Erinnern, auch alter Gefühle. Die sich - endlich war ja Zeit dafür, auf einmal zeigten. Mit aller Macht der nicht gefühlten Gefühle, die gefühlt werden wollen. Wie kleine quengelige Kinder. Mich ihnen ganz zu öffnen, gelang mir manchmal. Sie in kleine Geschichten zu verwandeln, in anderen Momenten. 

Aber der Trübsinn blieb wie ein feiner Schleier, der die Sicht versperrt. Auch wenn der Garten, das Zeichnen, Gitarre spielen, auch mal tanzen und singen, kurzfristig halfen. Echte Lebensfreude sieht anders aus. Als würde es mir an einem grossen 'Wofür' fehlen, dem Sinn. 

Heute Nachmittag hingegen, nachdem ich mit Lola spontan zum Cossi geradelt war, um dort ein Eis zu essen und kurz in den See zu springen, spürte ich auf der Rückfahrt mit dem Tandem auf einmal den übermächtige Wunsch und auch WILLEN, endlich wieder glücklich zu sein. 

Und statt wie bisher auf Glück und die Erfüllung meiner Wünsche zu hoffen, stelllte ich mir - während ich kräftig in die Pedale trat und mir den Schweiß den Rücken hinablief - einfach vor, sie seien alle in Erfüllung gegangen. Und ich wäre gerade überglücklich!

Meine Mundwinkel zogen sich nach oben. Und ich spürte das überschäumende Gefühl, frisch verliebt zu sein. Spürte die Vorfreude auf einen lieben Menschen, der gerade mit einem frisch gebackenen Kirschkuchen auf mich wartet und mir gestern einen Heiratsantrag gemacht hat. Und was für eine Freude durchströmte mich auf einmal :-) 

Gerade letzte Woche hatte ich in einem Buch über 'Focusing' gelesen, dass der Körper zwischen Realität und Vorstellung nicht unterscheiden kann. Wenn ich mir etwas fest genug vorstelle, werden im Körper und Gehirn diesselben Stoffe ausgeschüttet, als hätte ich es wirklich erlebt. Stelle ich mir vor, dass ich gerade in einem Preisausschreiben gewonnen habe, oder eben verliebt bin, werden Glückshormone ausgeschüttet. Denke ich daran, gerade jemanden verloren zu haben, empfinde ich tiefe Trauer und der Körper reagiert mit dementsprechenden Symptomen. 

So hatte ich gelesen, und mich weiter in meinen traurigen Gedanken gesuhlt. Mich weiter reflexhaft an Vorstellungen und Erinnerungen von Einsamkeit, Schmerz und Verlusten geklammert. 

Doch heute Nachmittag, wie aus dem Nichts, drehte ich ich einfach den Spieß um. Und stellte mir grosses Glück, Vorfreude und Verliebtheit vor. Und es fühlte sich hundertmal besser an. Wirklich 'real' war weder das eine noch das andere. 

Und ach, wie beschwingt radelte ich mit Lola auf dem Tandem durch die Strassen, im warmen, gerade noch August-Wind. Empfand solch eine Freude, lächelte mir bekannten und unbekannten Menschen zu, plauderte fröhlich mit Passanten. Und alles machte auf einmal einen großen 'Sinn'. 

Ich brauchte gar nicht mehr zu hoffen, zu warten, mich anzustrengen. Das Glück legte sich einfach vor mir auf die Strasse - erfüllte mein Herz. Einfach so! 

Und da lachte mir aus einer der Bücherverschenkekisten auf einmal der Titel eines Buches entgegen. '101 Essays that will change the way you think". Schwarze Schrift auf weißem Cover. Nur diese Zeile. Und schwupps, zog ich es raus, selbst gegen Lolas heftigen Protest, die schnell nach Hause wollte. 

Und während aus Lolas Zimmer lauteste Musik und Partybrülle dröhnten, saß ich tiefenentspannt im blauen Abendlicht auf dem Balkon und las über das soeben erlebte Phänomen. Dass Glück oder Leid auch eine Entscheidung sind, die man trifft. Und dass man sich oft leider vom Glückserleben abschneidet, weil man glaubt, man verdiene es nicht einfach so, würde faul dadurch werden, bei anderen Neid erwecken, etc. Und sabotiere sich selbst, erlaube sich das Glück nicht. 

Es war heute auf jeden Fall eine wunderschöne Erfahrung, diese starke tiefe Lebensfreude zu spüren, die in jeder Zelle prickelt und nach mehr ruft, und die Stadt in rosagelbes Licht taucht. Einzig und alleine erzeugt durch meine Entscheidung. Die Mundwinkel hochzuziehen und mir vorzustellen, ich sei glücklich (verliebt), und diese starken Gefühle einfach durch mich pulsieren zu lassen. 

Was für ein Glück!

Zurück aus Spanien


Am Freitag ist Lola nach sieben Wochen unterwegs quer durch Europa endlich wieder zurück nach Leipzig gekommen! Zusammen mit Greta, mit dem Flieger aus Gijón in Nordspanien, der letzten Station ihrer grossen Reise. Wo sie Urlaub bei der spanischen Großfamilie Urlaub gemacht haben - und wie es das Glück wollte, Zeugen der totalen Sonnenfinsternis werden durften, direkt am 'Hausstrand', an den sie jeden Tag zum Baden gehen :-) 

 Fünf Wochen war ich alleine in Leipzig, ohne Lola. Habe den See und den Garten genossen, endlich in Ruhe an meinem neuen Buch (über Lolas inklusive Schulzeit :) schreiben können, hab Freunde getroffen, war wandern. Konnte entspannt in den Arbeitsalltag starten, mal ohne aus dem Nebenzimmer von lauter Musik gestört zu werden, oder mich in langen Diskussion darüber zu verfangen, warum es sinnvoll ist, vor dem Schlafen gehen zu duschen und die Zähne zu putzen. Wirklich. Jeden Tag! 

Doch so schön die Lolafreie Zeit war, so sehr habe ich sie doch auch vermisst. Was ich erst jetzt so richtig gemerkt habe, da sie wieder da ist. Ihre Jubelschreie über ihr aufgeräumtes Zimmer, ihr leidenschaftliches Geigenspiel ganz für sich alleine, ihre Freude jeden Tag an jeder noch so kleinen Kleinigkeit. So schön, ihre Energie und ungebremste Lebensfreude wieder um mich zu haben! 

Ja, klar, auch das viele Erinnern, dass wir jetzt rausgehen wollen. Während sie noch ewig etwas suchen, abschreiben, anziehen muss. Aber sie ist viel kooperativer und entspannter als noch vor den Ferien, und das Zusammenleben mit ihr ist einfach gerade eine echte Freude. Wie schön, dass sie wieder da ist! 

Und morgen, wird es spannend. Denn da beginnt sie das Eingangsverfahren für den Berufsbildungsbereich in den Lindenwerkstätten. Wo sie unbedingt hinwollte. Um eines Tages, so ihr Traum, im Lindencafè zu arbeiten und dort Pizzas zu backen :-) 

Einen Pizzaofen haben die dort zwar noch gar keinen. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden. Und wo eine Lola, da ist auch ein Weg!

Ich werde berichten :-)




Mittwoch, 29. Juli 2026

Auf Weltreise durch Frankreich

Lola's grösster Wunsch war, nach dem Schulabschluss eine Weltreise zu machen :-) 

Ich hatte darüber nachgedacht. Überlegt, Sponsoren zu gewinnen, einen Projektantrag zu stellen, mir eine Auszeit zu nehmen. Ach, was wär das für eine Gelegenheit! Lola berichtet selber darüber, macht Fotos, stellt sie in einen eigenen Blog.

Befreundete Dokumentarfilmer waren begeistert: das könnte man ja auch filmisch begleiten. 

So viele gute Ideen. Aber es fehlte an Zeit, an Energie. Kurz: das Leben kam dazwischen. 

Und Lola ist es gewöhnt, dass ihre Ideen nicht in die Realität umgesetzt werden, zumindest nicht sofort. 

Mit leichtem Protest ließ sie sich ein auf meine und Pavel's Idee, im Sommer doch einfach wieder nach Frankreich zu fahren. Wo wir seit drei Jahren begeistert hinfahren. Nachdem Lola 2023 den Impuls dazu gab, weil sie unbedingt nach Paris wollte!

Und so packten wir das kleine Auto, verstauten Zelte und Koffer und ab nach Frankreich. Diesmal in die Provence, bzw. ins Department Alpes-de-Haute-Provence, in die Ausläufer der französischen Alpen zum 'Lac de Serre Poncon'. Campingplatz direkt am See.

Aus Platzgründen ohne Tische und Stühle, als wahrscheinlich einzige Camper auf dem ganzen Platz. 

Jahrelang hat mir das auch meine Pfadfinderehre verboten, so etwas spiessiges wie Campingstühle zu nutzen. Aber - seitdem wir nun regelmäßg fahren - schaue ich doch immer wieder neidisch zu den anderen Zeltern, die entspannt am Tisch sitzen und essen und spielen und lesen. In diesen breiten gemütlichen Camperstühlen, ein Bierchen in der Armlehne.

 

Und so herrliches das Baden im See und im Pool auch war, Wanderungen mussten sein. Natürlich - ähnlich klassisch - ohne App, nur mit Karte. Aber ach, nachdem wir in einem alten Eisenbahntunnel landeten, natürlich ohne Ausgang (nach 1km im Stockdunkeln kehrten wir um), installierte ich mir doch lieber eine Wander-App, und wir kamen endlich zum gesuchten Wasserfall, des 'Cascade costeplane', an einem kleinen  Zufluss zur Ubaye. 

Das Beste am Campingplatz war für Lola natürlich die Großbildleinwand, auf der sie die WM-Spiele gucken konnte. Wo sie als einzige Spanierin auf dem Platz lautsark den Sieg der Spanier gegen Belgien bejubelte - zum Leidwesen der zahlreichen begeisterten Belgienfans.

Kleiner Abend-trip nach Barcelonette, wo wir über Hindernisse balancierten und mitten in eine lautstark schreiende Gruppe von Kellnern gerieten, die mit Wein um sich spritzten - beim 'Course de garcons" - dem städtischen Kellnerlauf, wie wir am Ende feststellten :-) Nachdem wir uns schon sehr über die Rüpelhaftigkeit der Leute dort gewundert hatten.

Nach einer Woche zogen wir weiter, an die Provence d'azur. In ein wunderschönes Ferienhaus in La-Londe-les-Maures, das uns eine ganz liebe Schweizer Klientin überlassen hatte, deren Satzstreifen-Buchprojekt ich betreuen durfte. Wie herrlich, an der Oleanderhecke oder unter dem Feigenbaum auf der Terrasse zu sitzen, im eigenen Zikadenkonzert!

Bei großer Hitze lagen wir tagsüber eigentlich vor allem am Strand, vielmehr im Wasser, oder wanderten über den 'sentier littoral' bis zur göttlichen 'Plage de Leoube'. Karibikstrand mitten in Frankreich!


 Hier konnte man es aushalten! Unter Pinien, im kühlen Wind im Sand liegen, oder über Algenwälder und durch Fischschwärme hindurch schnorcheln...


Lola strahlte wieder! Nachdem sie am Tag zuvor einen Hitzschlag erlitten hatte - mit Fieber, Kopfschmerzen und Magenproblemen, ein echter Hitze-Schock! Welch Erleichterung, als es ihr wieder besser ging. Von nun an musste sie täglich literweise Wasser trinken, um ja nicht wieder zu dehydrieren.

Da Lola aber trotz dieser Massnahmen die Hitze nicht bekam, und sie nachhaltig Verdauungsprobleme hatte, sagte ich die geplante folgende Campingwoche an den Calanques bei Marseille ab. Und wir fuhren zu Freunden an die Drôme, wo es zwar auch tags heiss ist, aber nachts angenehm kühl. Und wir endlich wieder entspannt schlafen und - tags wandern konnten! 


Erfrischung direkt in der Drôme, unterm Wasserfall bei 'Le claps'.

Und als die Sonne im 'Forêt de Saoû' dann doch ungehindert brannte, half der zum Sonnenschirm umgenutzte Regenschirm, der im Urlaub ansonsten funktionslos gewesen wäre.

Am Ende unser dreiwöchigen Reise brachte ich die überglückliche Lola zu Ricardo nach Oberbozen - in den italienischen Alpen. Wo die Bozener ihre Sommerfrische geniessen. Und lecker schlemmen.

Mit Blick direkt auf die Dolomiten.


 Und hier setzt Lola nun ihre Weltreise fort - diesmal in Italien! Bevor sie in zwei Wochen nach Spanien aufbricht. So dass es zwar keine Welt- aber doch eine tolle lange Reise durch Südeuropa wird.

Sonntag, 5. Juli 2026

Bye bye Rubikon...

Gestern war es soweit - und hat Lola bei einem rauschenden Abschlussfest das Ende ihrer Schulzeit gefeiert! 12 Jahre inklusive Waldorfschule.

'Nie wieder Schule gehn', lachte sie. Stolz, den Waldorfabschluss geschafft zu haben. Mit all den vielen Praktika, Auftritten, Jahresarbeiten, Kunstfahrt, und allem was dazugehört.

Vor allem bedeutet es aber den Abschied von ihrer '12. Klasse', den sie seit Monaten schon betrauerte. Lange unvorstellbar für sie, woanders zu sein als in der Schule, mit ihrer Klasse. Die zuletzt eine so außergewöhnliche Klassengemeinschaft hatte. Wo alle willkommen waren und fast alles gemeinsam gemacht wurde. Wo aber auch alle sehr eigen, individuell und besonders waren, jeder auf seine Art. Eine fantastisches Beispiel, wie Autonomie in Gemeinschaft gelebt werden kann. 

So viele Erinnerungen hat die Klasse in ihrem gemeinsamen Abschlussbuch vereint, selbstgemalt und gestaltet. Fotos aus 12 Schuljahren, von Fahrten, Theaterstücken, Praktika, aber auch allen ehemaligen MitschülerInnen, darunter auch einige von Lolas besten Freunden, die ja leider viel zu früh die Klasse verlassen haben.


 Bei der Überreichuung der Abschlusszeugnisse gab der Klassentutor noch jedem der SchülerInnen einen persönlichen Satz über ihn bzw. sie mit. Der den Jugendlichen in seiner Besonderheit charakterisierte, auch für die Klasse. Und für jede/n so treffend und berührend war, dass es mir ganz ans Herz ging. So ein Geschenk!

Eine Epoche geht für Lola zu Ende, auch für mich als Mutter, die ich sie jeden Morgen in die Schule begleitet habe, dort immer engagierte Lehrer, andere liebe Eltern, quirlige SchülerInnen auf den Gängen traf.

Eine Gemeinschaft geht zu Ende. Die uns fehlen wird, sehr sogar. Trotz aller Herausforderungen, die die Schulzeit immer auch mit sich brachte.

Zum Glück war Lola gestern vor allem glücklich über das schöne Fest. Sie hatte wohl in den vergangenen Monaten genug Abschied genommen, alles schon durchfühlt und beweint, dass sie gestern einfach nur fröhlich Party machen konnte. Und bis um 3 Uhr morgens mit ihrer Klasse so wild und wirklich non-stop-getanzt hat, dass ihr heute die Beine schmerzten! So soll es sein! 

'Bye bye Rubikon'... war der umgedichte Refrain des Liedes, das wir als Eltern noch zum Abschied sangen. Und endete auf 'jetzt sind wir frei, frei, frei' Mal schauen, was das für Lola bedeutet, deren Möglichkeitenraum doch eher begrenzt ist.

Hier noch ein Foto von Lola's Einschulung vor 12 Jahren :-)  Mit dem Link zu einem älteren Post aus dem Jahr 2014.

Mittwoch, 1. Juli 2026

Bundesweite Elternbefragung: Mehrheit wünscht sich inklusive Bildung

Heute wurde vom 'Deutschen Institut für Menschenrechte'  die Studie "Inklusive Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit" veröffentlicht. Aus der hervorgeht, dass eine Mehrheit der befragten 7.500 Eltern inklusive Bildung für ihre Kinder bevorzugen - wenn die Bedingungen stimmen. 

Sehr spannende und wichtige Untersuchung!

 Auf der Seite des Intituts finden sich auch viele interessanten Fakten zum aktuellen Stand der inklusiven Bildung in Deutschland sowie ein spannendes Interview mit den Autorinnen Susanne Kroworsch und Britta Schlegel.

Hier im Blog habe ich ja immer wieder über unsere Erfahrungen mit der Inklusion in Lolas Schule berichtet. Und kann nur bestätigen: wenn die Rahmenbedinungen und die personellen und fachlichen Ressourcen stimmen, kann das super sein. 

 Wenn nicht, kann allerdings auch eine Förderschule oder später eine 'Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) ein guter Ort für ein Kind bzw. einen Erwachsenen mit Behinderung sein. 

 Lola zumindest hat sich bisher auch in Arbeitsbereichen der Werkstatt oder in rein 'exklusiven Angeboten' ihrer Schule immer sehr wohl gefühlt. Und dort viel gelernt und viel Selbstbewusstsein gewonnen. Und beginnt ja auch jetzt den Berufsbildungsbereich in den Lindenwerkstätten. Weil sie da unbedingt hinwollte!

Am besten fand ich bisher eine gute Mischung: zum Beispiel ihre Werkstufenklasse nur mit Kindern mit Förderbedarf (für 12 Schulstunden die Woche) innerhalb der sonst inklusiven Schule. Oder auch den geschützen, hochstrukturierten Arbeitsbereich des Lindencafès, aber mit Publikumsverkehr aus dem Viertel. 

Denn solange die personellen und finanziellen Ressourcen und auch das fachliche Know-How nicht vorhanden sind, wie Menschen mit Behinderung gut inklusiv begleitet werden können, sei es schulisch und am Arbeitsplatz, kann das mit der Inklusion auch gründlich daneben gehen....

Mittwoch, 3. Juni 2026

Träume - Schäume?

 Wie lebt man, wenn große Träume schwer zu realisieren sind - weil man eine Behinderung hat? 

Lola ist 18 Jahre alt, hat Down-Syndrom, und will hoch hinaus: berühmte Sängerin werden, mit ihrem Mann auf einem Bauernhof leben und drei Kinder bekommen. Sie will Chefin einer Pizzabäckerei werden und eine Weltreise machen.

Ihre Träume inspirieren sie! Wieder und wieder malt sie sich aus, wie sie Konzerte gibt, umjubelt von ihren Fans. Probt Abend für Abend auf ihrer Zimmerbühne. Gerade war sie eine Woche auf einem Bauernhof mit Tieren, um ihrem Traum ein Stück näher zu kommen. Sie spielt Geige und lernt backen. 

Lola glaubt fest daran, eines Tages ihren Traum leben zu können - und ihre Visionen geben ihr Kraft, auch gegen alle Widrigkeiten in ihrem Leben, die sie oft geflissentlich ignoriert. 

Dass ihre Schritte winzig sind, sie weit davon entfernt ist, berühmt zu sein, keinen einzigen Song mit Text singen kann, Elternschaft für sie sicher schwierig wird und an Chefsein nicht zu denken, interessiert sie nicht. 

Illusionen - die Enttäuschung vorprogrammiert? Oder inspirierende Visionen, die ihrem Leben 'Sinn' verleihen? 

Spielen wir uns nicht alle im Grunde etwas vor? Halten an Visionen, Illusionen, Tagräumen fest, die uns Kraft und Flügel verleihen? Je höher und unerreichbar, desto besser? 

Vielleicht hat Lola damit intuitiv ein Geheimrezept für Lebenszufriedenheit entdeckt: Ich träume, also bin ich.

Donnerstag, 28. Mai 2026

Das Ende der Schulzeit naht...

Lola's Schulzeit neigt sich dem Ende zu. 12 lange Schuljahre in der inklusiven Waldorfschule, von der Lola gerade nur schweren Herzens Abschied nehmen kann.

Seit April ist Lola zwar noch offziell an der Schule, aber - anders als der Rest ihrer MitschülerInnen, die gerade ihre Realschulprüfungen hatten bzw. sich intensiv auf das Abitur im nächsten Jahr vorbereiten, macht sie für zwei Monate berufliche Praktika - außerhalb der Schule.

Was natürlich eine tolle Möglichkeit ist, in verschiedene berufliche Tätigkeiten hineinzuschnuppern und Arbeitserfahrungen zu sammeln, aber diese Zwischenzeit zwischen Schulzeit und Ausbildung bzw. Berufsbildungsbereich (BBB) in der Werkstatt, ist für Lola oft nur schwer auszuhalten. 

Ihr fehlt ihre Klasse, der Schulclub, die Schule, sie vermisst sie schrecklich. Gleichzeitig will sie sich gerne auf das Neue konzentrieren und die Schule am liebsten 'vergessen' (so sagt sie selber). Da es Ende Juni aber nochmal eine Abschiedswoche gibt, wo sie alle zusammen als Klasse zelten gehen und natürlich die große Abschlussfeier mit Zeugnisübergabe stattfindet, ist das mit dem Vergessen gar nicht so einfach für sie.   

Umso schöner ist es, dass sie bei verschiedensten Praktika auf andere Gedanken kommt und - so viel Freude hat.

 
Im Mai hat Lola ein vierwöchiges Praktikum in ihrem alten Kindergarten an der Heilandskirche gemacht - in der Hauswirtschaft! Und ihre alte Kindergartengruppe - die Pfarrhausflöhe - tatkräftig unterstützt. 
 
Sie durfte helfen beim Vorbereiten der Obstrunde, beim Tischedecken und der Essensausgabe, beim Abwaschen von Geschirr und beim Aufhängen und Zusammenlegen von Wäsche. Und hatte nicht nur große Freude dabei, sondern ist den Erzieherinnen eine echte Hilfe gewesen.

Jeden Morgen haben sie ihr eine Liste mit Tätigkeiten hingelegt, die sie zu erledigen hatte. Und mit wachsender Geschwindigkeit hat sie die ihr übertragenen Aufgaben immer selbständiger erledigt - so dass sie am Ende der vier Wochen oft schon weit vor der Zeit fertig war mit allem. Unglaublich! 

Nichts war zu spüren vom Zögern, sich Verkriechen, Verweigern, Bummeln, Weglaufen, was sie in der Schule oft zeigte. Nein, sie erfüllte ihre Arbeiten zuverlässig - und bis auf ein für sie typisches 'Mittagstief' (wo sie einmal sogar einschlief) und gelegentlichen 'Schuldrigkeiten', zeigte sie eine hohe Einsatzbereitschaft und schnelle Auffassungsgabe für die ihr übertragenen Aufgaben. Wahnsinn! 

Sie verstand sich auch super mit den total sympathischen Erzieherinnen, zeigte Humor, hatte Spass und kam immer gerne. Was für ein Erfolg!

Am Ende des Praktikums erzählte eine leitende Mitarbeiterin, dass zu Lolas Kindergartenzeit dort auch eine Hauswirtschaftskraft mit einer Behinderung beschäftigt war. Und wer weiß, vielleicht sei das ja auch mal eine Möglichkeit für Lola... Wow, wie toll wäre das denn?
 

Aber gut, jetzt wird Lola erstmal für zwei Jahre den Berufsbildungsbereich (BBB) einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) absolvieren und sich noch etwas weiter 'qualifizieren'. Wahrscheinlich im Bereich Hauswirtschaft und Küche, was ihr am meisten Spass macht. Und dann, mal schauen... 

Vielleicht kann sie in den nächsten Jahren die Kita an der Heilandskirche im Rahmen eines Praxisbausteins oder vielleicht sogar eines kleinen Arbeitsverhältnisses oder Außenarbeitsplatzes unterstützen? Noch Zukunftsmusik. Aber für mich zumindest ein echter Traum.

Gerade ist Lola erstmal für vier Tage auf dem Hof einer Bekannten an der Saale und hilft ihr bei der Versorgung der Tiere und bei allem, was so anfällt in Küche, Garten und Hof. Hier ein kleiner Eindruck von Montag, als ich sie dorthin gebracht habe, und sie sich sofort mit den drei Hunden angefreundet hat und nicht mehr von deren Seite wich.

 'Meine Traum wird wahr', sagte Lola mir, als wir ankamen. Denn vom Leben auf einem Bauernhof mit ganz vielen Tieren träumt sie schon seit Jahren. Es gehört fest zu ihrer Vision der Zukunft. Und ich habe mich riesig gefreut, dass sich meine Bekannte bereit erklärt hatte, dass Lola ein paar Tage mit dem Hof lebt und 'hilft'.

Morgen hole ich sie wieder ab und bin gespannt, wie es dort gelaufen ist, was sie erlebt hat und ob sie sich auch dort hat helfend einbringen können :-) Oder ob es doch eher als Tierstreichel-'Working'-Holiday gelaufen ist.

Sonntag, 17. Mai 2026

Mutter-Tochter an die Ostsee!

 
Am Himmelfahrtswochenende haben Lola und ich das Auto gepackt - und sind an die Ostsee gefahren. Kleine Mutter-Tochter-Auszeit. Ohne Computer und (Lolas) Handy. Natur pur.

Nur auf der Autofahrt durfte Lola ihr Handy nutzen: Musik hören, Videos gucken, Spiele spielen. 6 Stunden Medienkonsum pur. Doch kaum angekommen, ruhte das Handy für 3 Tage. Und wir hatten endlich mal wieder Zeit nur für Quatschen, Spielen, Spazieren, Steine sammeln, Malen, Lecker essen gehen...
 

Nachdem wir schon am ersten Abend das schöne 'Strandrestaurant' in Nienhagen ausprobiert hatten, wo Lola Lachsfilet mit Kartoffelgratin essen durfte und hellauf begeistert war, wollte sie von nun an jeden Tag dorthin. 'Meine Lieblingsrestaurant'. 

Gut, so üppig war das Urlaubsbudget dann doch nicht, aber am letzten Tag schlemmten wir nochmal dort, was Lolas absolutes Urlaubshighlight war! Vielleicht sollte ich das zu Hause auch mal wieder kochen :-)

Zu Hause sitzt Lola in letzter Zeit leider sehr viel vor dem Computer, wo sie ständig etwas recherchiert: Infos über Tiere, Natur, Geschichte, ihre Lieblingsbücher oder -serien abschreibt. Alles durchaus spannende Dinge, wo ich auch nicht wirklich etwas sagen kann. Aber sie ist kaum noch zu anderem zu bewegen. So dass es schön war, im Urlaub nicht ständig in Konkurrenz zu ihrem 'Computer-Baby' gehen zu müssen. Sondern einfach etwas zusammen unternehmen zu können.

Endlich konnten wir in Ruhe quatschen. nur wir zwei beide. Ohne Pavel. "Du immer nur mit Pavel reden. Über Pavel-Themen", beschwerte sich Lola zurecht. Aber diesmal durfte sie bestimmen. Ganz ohne Geschwisterkonkurrenz. 

Und so spielten wir beim Wandern am Strand von Warnemünde stundenlang 'Stadt Land Fluß' oder 'Wer bin ich?' (mit den Tieren von Woodwalkers, ihrem Lieblingbuch). Oder sie erzählte mir von ihrer Klasse, ihrer Kunstfahrt nach Italien, von Spanien und ihren Brüdern, wovon sie nicht müde wird, mir wieder und wieder zu erzählen.

Oft finde ich es gar nicht so einfach, mich auf die Gespräche mit ihr einzulassen. Zumal ich die meisten Dinge ja schon kenne, die sie mir immer wieder erzählt. Während ich selber beim Laufen am liebsten vor mich hinträume, nachdenke oder Fotos mache. Was sie oft verärgerte. 

"Nicht schon wieder Fotos machen, Mama. Komm jetzt!", schimpfte sie. Und ich spürte, wie ich selber ärgerlich wurde. Denn ich mag es überhaupt nicht, wenn mir jemand etwas verbietet. Und Fotos schießen macht mir einfach Spaß. Den Moment festhalten. Die Suche nach einem starken Ausschnitt. Es lässt mich die Farben und Kontraste noch intensiver wahrnehmen.

 

Während Lola einfach da war und guckte und sich freute. Sie brauchte das nicht festzuhalten.

Und eeigentlich war es ja auch ungerecht. Denn ich durfte mein Handy benutzen, sie aber nicht :-(

 Aber bis jetzt ist es einfach noch nie gelungen, dass sie das Handy einfach nur als Kamera nutzt. Sie will dann auch gleich chatten, Musik hören, telefonieren, und ist gar nicht mehr davon wegzubekommen. Weswegen diese Handysperre oft die einzige Möglichkeit ist, wieder normal mit ihr interagieren zu können.

 

Und während ich meine Fotos schoß, rannte Lola quietschend und hüpfend vor Freude über die Seebrücke von Heiligendamm, sich drehend im Wind. Oder sammelte Unmengen von Feuersteinen - die sie zu Hause anmalen und dann verkaufen will :-) (So ihr neuer Plan, um zu Geld zu kommen). 

Und beim ersten Strandspaziergang wollte sie natürlich auch gleich ihre Füße ins Wasser stecken. Am liebsten wäre sie ganz rein gesprungen. Nur nachdem sie dann den Rest des Spaziergangs mit Sand in ihren Schuhe zu kämpfen hatte, da wir kein Handtuch zum Abtrocknen dabei hatten, ärgerte sie sich selber über ihre Idee. Und zog nicht nochmal ihre Schuhe aus. 


Begeistert war sie auch vom 'Gespensterwald', diesen verknorpelt und feenartig verwachsenen Buchen, Eichen und Eschen, die ihre langen Arme nach oben recken - und im Nebel sicher ganz unheimlich aussehen.


 Ach, schön war's! 

 Auch wenn ich heut Abend doch etwas platt bin von der langen Autofahrt und der vielen 1:1 Zeit, was ich gar nicht mehr gewöhnt bin. Aber für unser Mutter-Tochter-Verhältnis war es super. Denn zu Hause streiten wir gerade oft sehr viel rum oder motzen uns an. Und davon war in diesen Tagen kaum etwas zu spüren.

Gerade eben kam sie zu mir ins Wohnzimmer, kroch zu mir auf's Sofa und gab mir einen Kuss. 'Schlaf gut Mama, bis morgen!" Das hat sie lange nicht gemacht...