Sonntag, 15. November 2020

Martinssommer an der Mulde

Welch schöner warmer Novembertag. Und wir sind an der Mulde entlang gewandert... 


Und Lola, inspiriert von Pavel und Maxim, war sogar etwas flotter dabei. Obgleich sie - wie immer - doch etwas jammerte und zuverlässige fragte, wann wir denn wieder nach Hause fahren. Was doch immer etwas mühselig ist... 

Doch vom Picknick, speziell den "Albondigas" (spanische Hackbällchen) und den leckeren Pfannkuchen war sie begeistert. 


Sogar auf den Bismarckturm sind wir geklettert. Da machte Lola dann aber doch etwas schlapp...



Und als wir am Ende nochmal zur Mulde liefen, um den Sonnenuntergang zu bewundern, wollte sie lieber im VW-Bus sitzen und Musik hören... Teenie halt. 

Samstag, 14. November 2020

Gartenglück mit Annette

Der Wunsch nach einem entspannten Samstag ist groß. Vor allem bei mir. Unsere üblichen Unternehmungen kommen nicht in Frage, in diesen Zeiten. Stadtbummel, Schwimmbad, Kino, ade.... Was bleibt da, als mal endlich wieder in unseren Garten zu fahren. Draussen am See. Zu lange schon liegt er verlassen. 

Und welch eine Freude, kündigt sich spontan Annette an, die ehemalige Tagesmutter aller drei Kinder. Die zusammen mit ihrem Mann ein nettes Ausflugsziel sucht, in diesen Zeiten. Und die ich gestern einfach gefragt hatte, ob wir uns nicht alle mal wieder treffen wollen, demnächst. Und sie schlägt vor: heute Mittag. Wie schön.

Als wir den Garten erreichen, liegt er tatsächlicher recht einsam da. Unter einer dichten Blätterdecke ist der überlange Rasen kaum zu erkennen, der vermoderte Borretsch liegt müde auf den Beeten, die Hollywoodschaukel ertrinkt in einer Wasserlache. Und zu allem Übel steht Wasser im Badezimmer, das aus der Holzdecke fröhlich auf den Boden tropft. Oh schreck, oh schreck.

Und in einer halben Stunde wird Annette eintreffen. Bis dahin gilt es, den Rasen von Blättern zu befreien, das Wasser im Bad aufzuwischen, die Ursache für die Havarie ausfindig zu machen, die Wasserleitungen wieder betriebsbereit zu machen, um Kaffee kochen zu können und die mitgebrachten Spaghetti, den Tisch zu decken, .... Unmöglich.



Und als wir auf dem Dach des Bungalows alle zusammen eifrig nach der Ursache für den Wasserschaden forschen, sehen wir Annette und ihren Mann mit den Rädern die Strasse entlangkommen, winken sie zu uns, ... und fallen uns freudig, naja, nicht wirklich in die Arme, nur im Geiste. Setzen uns an den ungedeckten und staubigen Tisch, den zu wischen keine Zeit blieb, inmitten von verwelkten Trompetenblumen und Fliederzweigen, während die Kinder das Laub zusammenharken zu einem riesigen Haufen, extra für die Igel. Sogar Greta macht mit. Das Wasser tropft weiter aus der Decke. Und irgendwann ist der Kaffee sogar fertig. 

Und wir plauschen und erzählen, was alles so passiert ist in den letzten Monaten und Jahren. Erfahren von schmerzhaften Abschieden von geliebten Menschen, der Geburt von einem neuen kleinen Menschen, von neuen beruflichen Tätigkeiten und erzählen von alten Zeiten und den neuen Herausforderungen. Und es ist eigentlich wie früher, was gar nicht so lange her ist. Und die Kinder erinnern sich fast ein bisschen, wie sie mit Annette im grossen Fahrrad draussen an den See gefahren sind, als 1 - 3 - jährige, dort gepicknickt und im Laubhaufen geschlafen haben. Und wie Lola im Kirschgarten auf die Schaukel geklettert ist. Und ich freue mich, welche Naturliebhaber aus ihnen geworden sind, sicher auch Annette zum Dank. 

Und so verstreicht der Tag und wir erzählen und die November-Sonne wärmt uns. Der Kaffee schmeckt und die Blätter ruhen im Haufen und das Wasser tropft aus der Decke. Greta liest auf der Gartenliege, Pavel schippt unermüdlich in seinem tiefer werdenden Loch, und Lola malt Mandalas. Und die Welt ist für  einen Moment einfach in Ordnung. Danke! 



Hier noch ein paar Eindrücke aus der Zeit, als Pavel zum ersten Mal bei Annette war. 

Freitag, 13. November 2020

All my colours


Lola liebt es, zu malen. Seit sie ganz klein ist. 



Heute waren wir nachmittags bei einer Bekannten zu Besuch, deren Tochter, Mayra, auch Down-Syndrom hat. Und wir Mütter dachten natürlich, dass die beiden zusammen spielen können, während wir gemütlich Kaffee trinken... 


Doch weit gefehlt. Lola hatte keinerlei Interesse an Mayra. Die mit ihren zarten 6 Jahren weit jenseits ihres Alters ist. 13, Teenie. Kein Bock auf kleine Kinder, Anna und Elsa, und Duplosteine... (obwohl sie zu Hause eigentlich stundenlang ins Rollenspiel vertieft Anna und Elsa spielt, aber eben nur bei geschlossener Zimmertüre)

Lola saß lieber bei uns im Wohnzimmer, malte ein Bild nach dem anderen, probierte sich durch alle Farbstifte von Mayra hindurch und schuf ein buntes Haus. Und - kommentierte regelmäßig unser Gespräch mit frechen Bemerkungen, fragte nach oder erzählte von der Schule. 

Während Pavel zufrieden mit Mayra im Zimmer spielte, eine ganze Duploburg erschuf, eine Zauberkugel im Dunkeln ausprobierte, und in Mayras Bett gekuschelt zusammen mit ihr Weihnachtslieder anhörte

Donnerstag, 12. November 2020

Endlich raus

Die Kerzen habe ich entzündet, drei Teelichte brennen. Die warme Tischdecke trägt einen Teller mit Lebkuchen, Spekulatius und geschnitzten Äpfeln. Die Kindern sitzen und kabbeln sich wie immer um den besten Platz. Greta hat Musik aus den 60er Jahren angemacht. Und erzählt von den vielen Arbeiten der letzten Woche und wie müde sie ist. Übertrumpft von Pavel, der behauptet, 10 Arbeiten in einer Woche geschrieben zu haben. 

Neben mir liegen zwei alte Fotobücher, und zwei eingerollte großformatige Fotografien. "Und das?", fragt Lola. Und ich entrolle langsam das erste Bild. "Opa Jörg. Tot, leider", ruft Lola aus, als sie sein Grinsen auf dem sich entrollenden Fotopapier entdeckt. 

"Ja, erinnerst du dich denn überhaupt an ihn?", frage ich neugierig. Denn als er starb, vor neun Jahren, war Lola gerade 4 Jahre alt. "Ja, klar", erwidert Lola eifrig. "Ich und Greta mit Opa lacht. In Küche sitzen mit Abuelo." Ach, ja, sie meint eines der Bilder, das wir neulich mal in einem der Fotoalben angeschaut haben, wo der Opa vom Wein errötet in einer spanischen Bar mit dem Abuelo sitzt und beide weinselig lachen. Und man Greta am Strand entlang rennen sieht. 

Als er starb, konnte Lola noch nicht sprechen. Bis auf wenige Worte. Eines davon war M-pa, was soviel bedeutete wie 'Opa'. Nachdem er starb, lernte sie die Gebärde für tot. Mit dem Finger am Hals entlangfahren, als würde einem die Kehle durchgeschnitten. Etwas morbid. Und von da an war der Tod und der Himmel ganz eng mit dem Opa verknüpft. Der da oben auf seiner Wolke saß und auf sie hinunter blickte, so war sie sich sicher. Manchmal winkte sie hinauf. 

In den ersten Jahren kurz nach seinem Tod haben wir viel über ihn gesprochen. Viele kleine Geschichten erzählt, die Kinder haben sich erinnert, an gemeinsame Erlebnisse, an das, was er typischerweise sagte. Dann wurden die Geschichten weniger, die Erinnerung blasser. Auch für mich, war er immer weiter weg. Obwohl ich zeitgleich ein Buch über ihn zu schreiben begann, über das Loch, das sein Tod in mein Leben gerissen hat und die unzähligen Fragen, die er aufgeworfen hat. 

Ich schrieb und schrieb, doch in der Familie begannen wir über ihn zu schweigen. Es war keine Entscheidung, aber sein Bild verblasste und verschwand irgendwann. Ich weiß auch nicht recht, warum. Vielleicht weil ich mich so viel mit ihm und seiner Vergangenheit zu beschäftigen begann, mit der Leerstelle, die er hinterlassen hatte, dass ich seine Nähe nicht mehr als stärkend, sondern eher als schwächend empfand. Dass ich eine Zeitlang nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. 

Heute, beim gemeinsamen Vesper, war er auf einmal wieder da. Und mit ihm die Atmosphäre einer Zeit, die mir schon lange verloren gegangen ist. Eine Wärme und Innigkeit. Ein warmes Gefühl der Geborgenheit, das sich warm im Raum ausbreitete. Und die Kinder hörten meinen Erzählungen über den Opa zu. Über seine letzten Wochen. Seinen Lebensüberdruss. Seine Verzweiflung, die ihn am Ende zu seiner Entscheidung brachte. Von der ich den Kindern erzählte. Heute. Zum ersten Mal. 

9 Jahre habe ich gebraucht. Ihnen davon zu erzählen, wie ihr Opa wirklich gestorben ist. Nicht am kranken Herzen, umgefallen, wie ich es bildlich immer ausgedrückt hatte. Nein, aus freien Stücken ist er aus dem Leben gegangen, hat es sich selbst 'genommen'. So erzähle ich. Und Pavel schaut fragend. Und Greta irritiert. Und ich erzähle davon, endlich. 

"Das ist immer noch ein grosses Tabu, so ein Tod", sagt Greta nachdenklich und schüttelt unverständig den Kopf. "Wieso eigentlich?" 

Warum ich so viele Jahre geschwiegen habe? Ich weiß es nicht. Es erschien mir unsagbar, diese Wahrheit einfach und ehrlich auszusprechen. Den Kindern davon zu erzählen, nachdem ich ihnen, damals so klein noch, die wahren Gründe zunächst nicht genannt hatte. Und sie wuchsen heran, doch ich fand nie den rechten Moment. Und begann, mich damit zu verstecken. Aus Schuldgefühlen, Scham, Reue. Ich weiß es nicht. 

Die Last dieses Geheimnisses zu tragen, wurde irgendwann immer schwerer. Die Angst vor dem, was folgen könnte, wenn ich die Wahrheit sage. Schwerer als sein Tod selbst. Doch ich quälte mich weiter und trug es alleine, schützte die Kinder, vermeintlich. Bis heute. Bis ich es einfach gesagt habe. 

Und so saßen wir endlich wieder gemeinsam zusammen. Verbunden mit dem Opa, meinem Vater, über den Raum und die Zeit hinweg. Und konnten uns die alten Geschichten und Erinnerungen erzählen. Und seine lebendige Wärme und Präsenz, seine Lebendigkeit und Begeisterungsfähigkeit, seine Neugierde auf das Leben, wieder spüren. All das, was ihn sein Leben lang ausgemacht hat. Wie schön. 

Donnerstag, 5. November 2020

Wandern mit Lola im Harz

Die letzte Woche war ich wandern mit Lola im Harz. Naja, Wandern, wäre zu viel gesagt... Wir haben ein paar kleine Wanderungen gemacht. Mit dem Sessellift auf die Rosstrappe hoch, im Bodetal.... Und dann oben entlang gelaufen, mit schönstem Ausblick und Wind um die Nase. 



Ja, es hat Spass gemacht. Und vor Jahren hätte ich wahrscheinlich gejubelt zu wissen, dass sie einfach flott voranläuft und Freude daran hat. Doch, um ehrlich zu sein, ist sie schon oft ganz jammerig und es bedarf vieler Überredungskünste, sie zum laufen zu animieren. Was mich doch auch Kraft kostet. 


Ihre Geschwister sind derweil anderweitig unterwegs. Pavel macht einen grossen Tages-Marsch zum Ilsestein, mit Maxim. Und Greta ist auf Orchesterfreizeit im Erzgebirge. Jeder auf seine Art. 

Und das ist schön, dass jeder seinen Interessen und seinem Tempo nachgehen kann. Und doch ist es auch traurig, auf den gemeinsamen Familienurlaub verzichten zu müssen. In denen Lola, animiert durch die Geschwister, auch mal längere Wegstrecken hinter sich brachte. 


Wenn ich die Bilder so anschaue, erinnere ich mich an die schönen Momente mit ihr. Herrlich, wie fröhlich wir lachen. Gerade Lola. Doch es macht mich auch traurig, manchmal, zu merken wie sie zunehmend auch außen vor bleibt, bei Altersgenossen. Oder bemühe ich mich nicht ausreichend um ihren Anschluß, um gemeinsame Unternehmungen? Mir fehlt gerade die Kraft. 

Und ja, vielleicht ist wieder die Zeit gekommen, hier mehr über das Leben mit ihr zu schreiben. Die vielfältigen Herausforderungen, die ihr Älterwerden doch auch mit sich bringen. So fit und witzig sie mittlerweile auch ist, gerade sprachlich auch echt richtige Schoten raushaut und mehr und mehr zeigt, was sie alles begreift, so schwer ist doch gerade, die Diskrepanz zu Gleichaltrigen wahrzunehmen und die Schwierigkeit, Dinge mit ihr zu machen, die ihr und mir Spass machen. 


 Ich werde und will berichten. Vielleicht hilft mir das, dem Leben mit ihr mehr Raum und liebevolle Aufmerksamkeit zu schenken. 

Samstag, 23. Mai 2020

Keine Bücher mehr lesen? - Nein!

Die vergangenen Wochen zu Hause mit drei Kindern haben ihre Spuren hinterlassen, was meine Belastbarkeit angeht. Obwohl der Alltag durchaus zu bewältigen ist, was die Abfolge der Handgriffe angeht, ist es vor allem die Unsicherheit im Außen, die mir meine geistige Energie raubt. So dass ich mich den Kindern und ihren täglichen Herausforderungen nicht mehr so bewusst und präsent widmen kann wie sonst. Im Kopf oft woanders bin und überlege, wo man nicht überall Hilfe her organisieren könnte und wie man es bewirken könnte, dass auch Greta endlich wieder in die Schule gehen kann. Um ihre Freunde zu sehen, sich an denen zu reiben, statt an mir, ihr Grundbedürfnis nach ihren Peers auszuleben, was für eine 14-jährige eigentlich wichtiger ist als Wasser und Brot zusammen.

Keine leichte Sache: gleichzeitig auf die vielen forschenden Fragen des Siebenjährigen angemessen zu antworten und mir seine detaillierten Geschichten bzw. Baupläne über den Pool mit Unterwasserrutsche, den er gerade im Garten baut, anzuhören. Auf Lolas Wünsche nach gemeinsamem Lesen in ihrem Leselernbuch einzugehen und immer wieder ihre Maschen aufzunehmen, die sie beim Stricken hat fallen lassen (als Waldorfschülerin kann sie das leider besser als ich es je konnte). Und bei Dauerbeschallung durch Popsongs von Greta, ihren meist patzigen Bemerkungen und ur-plötzlichen Abgängen, immer ruhig und respektvoll zu bleiben.

Und gestern mittag ist es plötzlich mit mir durchgegangen. Obwohl alle gerade friedlich und gut gelaunt im Garten saßen. Doch ich hatte es nicht geschafft, die Tortellini abzugiessen! Weil ich kein Abtropfsieb hatte. Da lagen sie, diese warmen, frischen, aufgequollenen Tortellini im heissen Sud im Topf und mir fiel keine Möglichkeit ein, wie ich sie da raus bekommen sollte. Alles viel zu heiss und kochend, und der Topfdeckel fehlte, den ich hätte benutzen können. Und plötzlich ist eine Leitung durchgebrannt. Ich fühlte mich einfach hoffnungslos überfordert und hab nur noch lauthals rumgeschimpft, in Tiraden den Kindern Vorwürfe an den Kopf geworfen. Außer Kontrolle. Für wenige Momente, doch es hat gereicht.

Nachdem ich mich im Nachgang bei allen entschuldigt hatte, waren die Kinder wieder halbwegs versöhnt und beruhigt. Doch am Abend machte Pavel den Vorschlag, dass wir doch wieder eine Strichliste einführen sollten. Und ich bei jedem Wutanfall einen Strich bekomme. Und wenn ich 10 Striche hab, dann gibt's eine Strafe.

So eine Liste hatten wir eine Zeitlang, für alle von uns, wo man eben bei jedem 'Vergehen' einen Strich kriegt. Ursprünglich war das die 'Nö-Liste', wo Lola für jedes 'Nö' einen Strich bekam. Um ihren Widerspruchsgeist etwas zu bändigen. Und es hat erstaunlich gut funktioniert bei ihrer Selbstregulierung, auch wenn ich sonst gar nicht der Fan von solchen Strafsystemen bin. In dieser Liste gab es neben dem Eintrag 'Nö' natürlich auch noch andere Rubriken, wie Motzen, Trödeln, Unterbrechen. Halt die verschiedenen Spezialbaustellen jedes Familienmitglieds.

Und damit die Liste funktioniert, braucht es natürlich auch eine kleine 'Strafe', wenn das Soll von 10 Strichen voll ist. Die doch so 'schmerzlich' ist, dass man sich lieber zusammen reisst.

Greta erklärte sich bereit, dass sie bei 10 Strichen 2 Tage kein Netflix schauen darf. Was als Serienjunkie gar nicht so leicht ist. Bei mir machte sie den Vorschlag, dass ich zwei Tage nicht rauchen dürfe. Was ich unangemessen schwer fand, doch als Anreiz wahrscheinlich gut funktioniert. Lola sollte zwei Tage kein Playmobil mehr spielen dürfen, überlegten wir, was sie aber so furchtbar fand, dass sie gleich einen kleinen Schreianfalll bekam. Also, als 'Strafe' auch gut geeignet. Pavel erklärte freudig, er könne dann ruhig auch zwei Tage keine Filme mehr schauen (zur Zeit abends eine Folge 'Schlümpfe'). Wobei es mir erschien, dass ihm das zu leicht fallen würde.

'Nein, ich finde, du darfst dann zwei Tage nichts lesen", meinte ich. Worauf er mich vollkommen entsetzt anstarrte, heftigst mit dem Kopf schüttelte, als hätte ich etwas gänzlich Unvorstellbares, Unmögliches, vollkommen Absurdes und zutiefst Entsetzliches gesagt. "Nein, Mama. Das geht nicht. DAs darfst Du nicht. Das KANNST du nicht machen! Dann darfst du 8 Wochen nicht rauchen."

Denn wenn die Corona-Krise eines geschafft hat, dann: ihn zum echten Bücherwurm zu machen. Er hat angefangen, einfach alle Bücher im Regal durchzulesen. Drei Fragezeichen, Räuber Hotzenplotz, 5 Bände Harry Potter, gerade sogar 'Emil und die Detektive' von Erich Kästner. Stundenlang, verschwindet er in seinen Welten, auf dem Bett liegend, selbst unter der Decke mit Taschenlampe.

Nein, ihm das Bücher-Lesen zu verbieten, das konnten und durften wir ihm nicht 'antun'. Das war unverhältnismäßig hart. Das hatte ich verstanden. Einem kleinen Tode gleich. Also doch kein Film mehr schauen. Das war zu überleben.

Freitag, 22. Mai 2020

Verrückte Zeiten

Mein Leben ist ver-rückt. Von einem Tag auf den Anderen. Wie ein Schlag vors Gesicht. Doch die Wunde, die es in mein Leben gerissen hat, die begreife ich erst jetzt, langsam.

Ich hatte schon lange nichts hier im Blog geschrieben. Ab und zu ein paar Bilder und Eindrücke, aber nichts wirklich Wichtiges, über mich oder Lola. Mir war der Antrieb verloren gegangen. Das große Wofür. Mein Leben war reich und voll ,und es wollte gelebt werden. Und Lola und das Leben mit ihr war zum Alltag geworden, zu einem Teil meines Lebens, einer von vielen. Doch kein Teil, der mehr solche Aufmerksamkeit von mir bekommen hätte wie früher, in ihren ersten Lebensjahren.

Und die Blogs, die es gab, mickerten vor sich hin. Veraltet, überkommen, von kaum jemanden gelesen. Die neuen, die aus dem Boden schossen, waren eher Life-Style-Magazine oder Ratgeber voller Pop-up Werbung und heimlicher Hinweise auf zu kaufende Produkte. Alles in Hochglanz, in verschiedenen Rubriken. Ich wusste beim Lesen nicht mehr, wo ich anfangen oder aufhören sollte. Man hüpfte so durch die Seiten, und ich fühlte mich verloren. Alles in Happen, die kein Gesicht mehr hatten, keine logische Folge, kein Vorher und Nachher.

Und Facebook wurde wichtiger, Twitter, Instagram. Kleine Stories, die da einen Tag stehen und wieder Verschwinden. Einblicke in das Leben der Menschen, das sich Kaleidoskop-artig vor meinem Auge veränderte, wenn ich am nächsten Tag wieder kam. Eine Wirklichkeit, die ständig ihre Form wandelte. Voller Hashtags, deren Wert ich nicht verstand. Ich glaube, ich bin alt geworden, so dachte ich. Mir geht das zu schnell, nach dem Slippen durch fremde Stories war ich verwirrt und verunsichert. Nicht wie einem guten Buch, wo es einen Spannungsbogen gibt, eine langsame Entwicklung, dann einen Höhepunkt und dann das dramatische oder auch versöhnliche Ende. Das traurig macht, oder auch befriedigt. Dieses kathartische Moment.

Nein, im Netz in den sozialen Netzwerken surfen war wie ein Dauerfeuer, ohne Plot und Versöhnung. Bruchstücke von Geschichten ohne Zusammenhang. Wie ein Radio, dass ständig Hits dudelt, denen man kaum mehr lauscht. Dauer mediale Berieselung durch eine Welt in Stücken. Von der auch jeder ein anders Stück sieht, weil sich ja jeder willkürlich durch andere Seiten scrollt. Und niemand je in der gleichen Reihenfolge liest.

Ich habe Facebook dann höchstens genutzt, um Lesungen oder Workshops von mir zu bewerben. Doch selber fast nie etwas gepostet, oder gar die Posts der anderen zu lesen. Mich bei Instagram und twitter auch nie angemeldet, und all den anderen Plattformen, deren Namen ich nicht einmal weiß. Und ich habe nie etwas vermisst. Ich lebte in meiner analogen Welt, las meist eine lokale und eine überregionale Tageszeitung, die Süddeutsche, um mich zu informieren. Und lebte mein Leben, in vertrauten Gleisen. Meist zufrieden, mit dem Alltag der Kinder beschäftigt, gab meine Schreibworkshops, hielt ab und zu Lesungen aus 'Lolas verrückter Welt' und gab Vorträge.

Die größte Herausforderung meines Lebens bestand in den letzten Jahren aus den üblichen Reibereien in einer Partnerschaft, die manchmal auch zu Grabenkämpfen wurden. Und oft auch eine Last darstellten, vor allem weil ich mich nicht entscheiden konnte. Soll ich gehen oder bleiben? Diese Ambivalenz ertragen, das war das schwerste. Doch die Probleme war meist irgendwie lösbar, auch wenn sie mir in akutem Momenten oft unlösbar schienen. Alles in allem war ich glücklich und zufrieden, wenn mich mal einer fragte. Vor allem, weil ich endlich einen Beruf gefunden hatte, der mich erfüllt. Wo die Arbeit sich nicht wie Arbeit anfühlte, sondern wie Freizeit. Und mehr Energie gab, als sie nahm, wie die vielen anderen Tätigkeiten, die ich vorher ausübt hatte. Auch wenn sie prestigereicher und meist auch besser bezahlt waren. Ich hätte nicht zurückgewollt. Meine Arbeit erfüllte mich mit Sinn. Das Leben mit den Kindern auch. Es war alles rund und gesund.

Bis von einem Tag auf den anderen meine Welt zusammenbrach. Eigentlich gar nicht meine persönliche, sondern gefühlt die gesamte Welt. Um mich herum plötzlich wie ein Kartenhaus zusammenfiel, die Welt, in der ich glaubte zu leben und sicher zu sein. Wo nichts mir etwas anhaben kann. Wo alles möglich ist, wenn ich diese Vision nur klar in mir trage. Wo ich sicher und geborgen bin, auch wenn ich mich in meiner Beziehung vielleicht nicht immerzu geborgen fühlte. Die Welt da draussen, die geschützte Blase der Bundesrepublik, hielt mich immer noch sicher umschlossen. Eine Welt, in der ich frei war und meinen Weg gehen konnte, wenn ich unzufrieden war. Eine Welt, wo ich meine Meinung sagen konnte, meinen Beruf frei auswählen, die Stadt wechseln, meinen Lobbies nachgehen, Tango tanzen und meine Freunde besuchen, überall auf der Welt, wenn ich das Geld hätte ausgeben wollen.

Schon der Auftakt für die Veränderung warf mich emotional aus der Bahn. Eine SMS meiner Mutter, die sich eigentlich selten bei mir meldet. "Ob ich schon von DEM Virus gehört hätte. Wie es uns denn ginge gesundheitlich? Dass wir uns ja jetzt so bald nicht mehr sehen könnten. Erst wenn eine Impfung gefunden sei. Sie ja gerne unterstützen würde, aber leider würde das nicht gehen... Ob wir schon Klopapier besorgt hätten und Vorräte für zwei Wochen? Und ich mir zur Sicherheit schonmal Geld in kleinen Scheinen besorgen solle, für alle Fälle. Denn die Quarantäne würde kommen, die Schulen würden schließen, schon bald. Und ja, sie glaube, das würde so schlimm werden wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr." Tagelang Bombardements mit SMS, unvermittelt.

Ich versuchte zu beschwichtigen, empfand ihre SMS als hysterisch, überzogen, fast wahnhaft, schüttelte permanent den Kopf und versuchte zu ergründen, was in sie gefahren sein könnte. Fernab lebend von auf mich einschlagenden News im Netz oder Fernsehen. In meiner alten Realität lebend. Ja, da war dieser Virus in China ausgebrochen, die Chinesen hatten zur Eindämmung ganz Wuhan abgeriegelt. Chinesische Methoden halt, wie man das in einer Diktatur so machen kann. Ab und zu ein paar Nachrichten über Corona im Radio, die ersten Bilder aus Bergamo von Intensivstationen, die Nachrichten erzählten von einer Quarantäne in Heinsberg, doch viele Virologen, auch Wieler vom Robert-Koch-Institut, sprachen von einer 'mittelschweren Grippe'. Die besonders alte und schwerkranke menschen trifft und sehr schnell zu Lungenversagen führt. Vor allem in Pflegeheimen grassierte und dort bei extrem vielen zum Tod führte, vor allem, weil die Krankenhäuser schnell überlastet waren. Ja, man solle am besten auch hier in Deutschland Abstand halten, sich nicht mehr die Hände schütteln

Erst als ich am 12. März im Radio hörte, dass die Stadt Halle eine Ausgangssperre verhängte und mich die Absage meiner Lesung in Halle am 21. März beim Jubiläum des Down-Syndrom Halle e.V. erreichte, begann mein Herz zu rasen. Ich stand an der Tankstelle, checkte aus Langweile meine Mails, da las ich die Absage. Und konnte von einem Moment auf den Anderen nicht mehr klar denken. Wie ein Wirbelsturm der Gefühle, mein Puls bis zum Hals, die Brust verengt, mein Atem flach, die Gedanken wirbelten. Warum, wieso Halle? Der Bürgermeister, wie konnte er? Gerade der? Was für ein Pech. Dass nun ausgerechnet Halle so eine blöde Quarantäne verordnete, wo es in ganz Sachsen-Anhalt die wenigsten Infektionen mit dem Virus gab. Ich brauchte lange, an dem Abend, um mich wieder zu beruhigen, mir gut zuzureden. Die Kinder entspannt ins Bett zu bringen, während in mir die Fragen wirbelten. Auch, ob mein Schreibworkshop zum Biografischen Schreiben am nächsten Wochenende in Dresden noch würde stattfinden können. Und was das denn heißen würde, wenn jetzt alle meine Termine ausfallen...

Am nächsten Tag, Freitag dem 13., Ironie der Geschichte, trudelten den ganzen Tag im Viertelstundentakt die Verordnungen ein, wo und ab wann Schulen geschlossen werden würden, Kindergärten, Spielplätze, Geschäfte, Unternehmen. Während ich nach Dresden fuhr, um eine Gruppe von Menschen zwei Tage lang schreibend zu begleiten, Halt und Rahmen gebend, ihre Geschichten aufzuschreiben. Und in mir ein Chaos der Gefühle, Ängste, Herzrasen, fast einer Panikattacke gleich. Langsam atmen half ein wenig. An der Rezeption des Hotels blieb ich vorsichtshalber auf Abstand, wollte den Zimmerschlüssel kaum berühren, den der Portier mir über die Theke schob. Gewitterstimmung in mir. Am nächsten Morgen sah ich die Spaziergänger an der Elbe bei schönstem Wetter schlendern, wie durch ein Milchglas, in einer fremden Welt, auf einem Bildschirm. Als habe ich nicht mehr die Möglichkeit, mich dazu zu gesellen. War nicht schon Ausgangssperre? Und was hiess das eigentlich?

Ich begleitete die TeilnehmerInnen meines Workshops gut und sicher beim Schreiben, so glaube ich. Im Kontext des Workshops war ich fokussiert, konnte zuhören und mitfühlen, doch kaum nach dem Seminar schoss mein Puls wieder hoch. Ob ich einkaufen sollte hier in Dresden, ich hatte von leeren Regalen gehört in Leipzig, alles ausverkauft. Auch wenn ich den Nachrichten kaum Glauben konnte. In Dresden waren die Regale voll, wenigstens das. Unschlüssig stand ich und wusste nicht, ob ich nun vorsorgen und 'hamstern' sollte oder nur einen knappen Einkauf des Nötigen. Ich entschied mich für das Nötige.

Ich merke, dass ich müde werde beim Schreiben. Abschweife, irritiert bin. Und ich merke auch, dass ich das alles aufschreibe, wie eine chronologische Aufzeichnung, fast minutengenau, obwohl ich sonst nie so schreibe. Wie bei menschen, die über schwere Erfahrungen schreiben, und auch plötzlich eher in einen Berichtsstil verfallen, wo sie sonst ausgesprochen gut Formulierungen und Bilder nutzen, bei schweren Lebensereignissen ähneln die ersten Texte eher Berichten. Und so merke ich gerade, erst im Schreiben, wie heftig diese ersten Tage für mich waren, angsteinflössend in einer Weise, wie ich es noch nie in meinem Leben erlebt habe. Und vor allem, dass ich diese Angstgefühle seither mit mir herum trage. Immer in Alarmbereitschaft. Nie mehr aus dieser Mischung aus Panik und Schockstarre herausgekommen bin, die mich gerade bei vielen Anlässen, unwichtigster Natur erfassen kann.

Und warum schreibe ich das dann hier? Gerade hier? Ich weiß es nicht. Ich weiß, dass Schreiben hilft, Aufschreiben, Bannen, Festhalten und dem Ausdruck zu verleihen, was uns beschäftigt, ängstigt, schmerzt. Damit diese schwere, vielleicht sogar traumatische Erfahrung, dieser heftige EINDRUCK, einen AUSDRUCK findet. So habe ich es gelernt, in der Poesie- und Bibliotherapie - Weiterbildung bei Ilse Orth. Die ich selber an meine Klienten weitergebe. Doch nichts davon konnte ich in den letzten Monaten beherzigen, umsetzen. Mein Schreiben drehte sich um alles andere, um die Corona-Krise, meine politische Meinung, Lösungen zu finden, Ursachen zu Erforschungen, Spaltungen zu verhindern, aufmerksam zu machen, doch nicht um mich. Nicht um diese ersten Momente der Schockstarre. Und ich weiß auch jetzt nicht, warum sie sich so aufgedrängt haben, wie ein Bildstrom. Sie zu nennen und zu bannen.  Und vielleicht morgen weiter zu machen. Denn jetzt bin ich müde, erschöpft, erschlagen, doch seltsamerweise auch ruhiger, als in all den letzten Wochen. Wie lang wird es halten?

Ich werde morgen weiterschreiben. Vielleicht ist es das, was ich brauche. Wieder brauche. Um das Kreisen in meinem Kopf zu bannen, das mich seit diesen Tagen im März nicht loslässt, als würde ich permanent mit mir selber sprechen, formulieren versuchen, eine Form finden für diese Ereignisse, die ja auch nicht nachlassen und nicht besser werden und mir jeden Tag neu den Boden unter den Füßen wegreissen, zumindest im Kopf. Und vielleicht ist das ja auch alles nur im Kopf. Und wir entscheiden doch selbst, in welcher Realität wir leben. Nicht nur in der virtuellen, sondern auch in der analogen. Je nach Erwartung, je nach Brille, je nach Angstpegel. Und schreibend, so merke ich gerade, muss ich meinen erstmal runter bringen, bevor ich weiter über diese Welt und das, was mit uns passiert, nachdenken kann. Und hier auch schreiben.

Und vielleicht setzt sich jemand anders ja auch hin, und schreibt über die Erfahrungen dieser Tage des Ausnahmezustandes, die anhalten. Über die Angst dieser Tage, vielleicht auch die Wut. Und natürlich auch die Freude und alle die schönen und leuchtenden Seiten, immer noch. Wenn die Milchglasscheibe endlich wieder durchsichtig geworden ist und mein Herz wieder erreicht. Morgen.