Dienstag, 16. Januar 2018

Wer will die fleissigen Schuhputzer sehn...


Greta kam gestern auf die Idee, ihre Schuhe zu putzen. Einfach so.

Und Lola und Pavel fanden die Idee so gut, dass sie auch beschlossen haben, ihre Schuhe zu putzen. Einfach so.

Heute früh gingen alle drei mit blitzblanken Schuhen aus dem Haus.

Montag, 18. Dezember 2017

Während die Natur ruht...

Der Gang durch unseren 'kleinen Garten' hat mir heute eine Einsicht geschenkt. Über die ich schon so oft gelesen, die ich aber noch nie begriffen hatte.

Seit Wochen schon scheint er zu schlafen, unser Garten. Die Blätter sind voller Kristalle. Die letzten Wasserpfützen sind zu Eis gefroren.
Die Erde ruht unter einer Decke von Mulch aus liebevoll zerschredderten Gartenabfällen. Die im nächsten Jahr wieder zu Erde werden.

Ich bin traurig, dass es hier für mich nichts mehr zu tun gibt. Denn das regelmäßige Arbeiten im Garten hat sich in den vergangenen Monaten als ein wahres Geschenk erwiesen.

Die Erde auf dem Gemüseacker hacken, den wilden Löwenzahn aus der Erde ziehen, die Rosen beschneiden.

Tagtäglich ging ich unseren 'kleinen Garten', wie ihn die Kinder liebevoll nennen. Steckte die Hände in die Erde, atmete erst die heisse, dann die warme, irgendwann die kalte Luft. Und meine Seele kam zur Ruhe.

Umso tragischer, dass nun die Pflanzen und die Erde zur Ruhe gekommen sind und für meine aufbrausende, unruhige und suchende Seele sich kein erdender Halt mehr bietet. Keine Aufgabe.

So dachte ich.

Heute ging ich hin, zu unserem Garten. Und schaute einfach die Pflanzen an, wie sie da ruhen.

Das Tränende Herz, das gestern noch seine leuchtend roten Blüten über den Weg hängen liess, ist ganz verwelkt. Und ich werde die Ruten wohl abschneiden müssen.

Die Rosen sind zu Hagebutten geworden. Doch sie zu schneiden,  kann ich nicht übers Herz bringen. Sollen ihre Früchte gedeihen.

Der Hibiskus trägt auf einmal eine dicke Kapsel voller Samen, die mir unter dem Laub nie aufgefallen war.

Aber da.

Die Schwarze Johannisbeere scheint in wenigen Tagen hunderte von Knospen gebildet zu haben. 

Auch am Fusse der Fetten Henne, deren buschige Blütendolden den Herbst über unser Wohnzimmer geschmückt haben, lugen neue grüne Keime hervor.

Überall bilden sich die Anlagen für neue Blüten und Triebe.

Und ich dachte, der Garten schläft. Die Natur ruht.

Aber nein.

Alles sammelt sich für das nächste Frühjahr.

In der Kälte und der Ruhe bildet sich heran, was in der Wärme und der Sonne Blüten bringen und Früchte tragen wird.

So soll es wohl sein.

Wenn es im Außen zur Ruhe kommt und sich die Säfte zusammen ziehen, ist es Zeit, dass Neues wachsen kann. 

Samstag, 16. Dezember 2017

Knoten für Knoten

"Ich kann's doch", sagt Lola und macht einen Knoten nach dem anderen in die Fäden.


Sie knotet Armbänder. Was sie in der Schule bei ihrer Hörtnerin im Nachmittagsbereich gelernt hat.

"Helfen Katja. Dann alleine," erklärt sie. (Erst hat ihr Katja geholfen, jetzt kann sie es alleine.)


"Ich kann das nicht", antworte ich wahrheitsgemäß und schaue ihr erstaunt zu, wie sie Knoten für Knoten in die Fäden macht und das Band langsam wächst.


"Charly auch kann's. Nora auch, Murmel auch. Nur ich und meine Freunde. Sara nichts kann's (ihre beste Freundin)."

"Haben Dir Dir beim Knoten geholfen, Deine Freunde?", frage ich.

"Nein. Ich kann's alleine. Helfen auch Dich? (Soll ich Dir helfen?) Rein tun, dann da. Zack zack. Dann leicht."

"Nein, nein. Ich will keine Bänder machen.", sage ich. "Ich schreibe lieber was." Und schreibe diese Worte.


"Wo Greta nochmal? Freundin schlafen?", fragt Lola.

"Ja, Greta hat heute bei ihrer Freundin geschlafen."

"Kommt wieder?"

"Sie kommt heute Nachmittag wieder."

"Spät", sagt Lola etwas enttäuscht. Und knotet weiter.

"Bald fertig das da", sagt sie. Und das Band wächst. Knoten für Knoten.

Solch eine Geduld möchte ich mal haben.  

Dass Lola sich so lange konzentrieren kann und daranbleibt an einer Sache, ist wirklich erstaunlich.  Und ganz neu für sie. Ein Ausdruck, wie stark sich ihr eigener Wille in letzter Zeit entwickelt hat. Und damit ihre Fähigkeit, sich eigene Ziele zu setzen und sie auch zu erreichen.

Ganz sicher ist es auch dem Handarbeitsunterricht in der Waldorfschule zu verdanken. Den sie über alles liebt. Stricken, Nähen, Sticken... Was nicht alles schon gelernt hat in den letzten Schuljahren.

Und ich habe so oft mit der Waldorf-Pädagogik gehadert und mich gefragt, ob und wie das Lola helfen soll. Ob sie nicht gezielter fördern sollten.

Doch länger Lola die Schule besucht, desto überzeugter bin ich.

Knoten für Knoten.

Jeder für sich unbedeutend. Doch am Ende ist ein Band entstanden. Ein Freundschaftsband.

Freitag, 15. Dezember 2017

Shooting




 

An der Kamera: Greta 

Donnerstag, 14. Dezember 2017

"Außen hart und innen ganz weich " ...

Wieso werde ich ausgerechnet dann so hart, wenn ich mich eigentlich ganz schwach und verletzlich fühle?

Wenn alles zusammen zubrechen droht, schalte ich intuitiv auf eine Art Überlebensprogramm, was da lautet: "Alles unter Kontrolle bringen! Ja keine Schwäche zeigen, das würde dich nur noch verletzlicher machen."

Wie nur kann ich diese schwache, weiche, orientierungslose Seite in mir zulassen?

Mich zeigen, so wie ich mich fühle?

In all meiner Verletzlichkeit.

 Meiner Angst.

Meinem Schmerz.

Den Schmerz zulassen.

Die Angst.

Das Dunkle.

Hinschauen. Nicht wegschauen.

Und mich zeigen, in meiner Schwäche.

Ich weiß es nicht. 

Familie inklusive

Das Familienleben ist ein wunderbares Beispiel, wie Inklusion funktionieren kann.

Die Schule und die Gesellschaft tun sich oft so schwer damit.

Aber in der Familie leben wir jeden Tag, wie so ganz unterschiedliche Kinder zusammen leben können.

Jeden Tag versuche ich als Mutter, den unterschiedlichen Fäigkeiten und Interessen gerecht zu werden.

Beim Essen.

Pavel isst nur Kartoffelbrei, Lola immerhin noch ein Sellerieschnitzel dazu und Greta auch noch den Salat.

Beim gemeinsamen Spielen.

Greta spielt die Bank beim Taschengeldspiel "Sparschwein". Lola und Pavel wissen langsam, dass man 80 Cent bezahlen kann, indem man ein 50 Cent Stück, ein 20 und ein 10 Cent Stück gibt.

Im gemeinsamen Gespräch.

Greta erzählt vom letzten RB Leipzig Spiel, das sie leider wieder verloren haben. Pavel berichtet vom Krippenspiel aus der Kirche. Und Lola freut sich auf Mittwoch. Da fliegt sie zu den Abuelos nach Spanien.

Doch wer im Moment am meisten dazu beiträgt, dass Lola zu Hause rundherum zufrieden und glücklich ist, ist Pavel.

Sie spielen eigentlich den ganzen Nachmittag ununterbrochen zusammen.

"Bibi und Tina."

Singen zum x-ten Mal alle Lieder zur Karaoke CD mit.

Laufen verkeidet und wiehrend durch die Wohnung.

Und schlafen nun seit drei Tagen auch zusammen in einem Zimmer.

"Beste Freunde".

Als ich Pavel neulich fragte, ob er denn mal heiraten will, sagte er voller Überzeugung: "Ja. Lola!"

Und es ist unglaublich, was Lola alles durch Pavel lernt.

Alleine durch die lang anhaltenden Diskussionen mit ihm darüber, wer denn im Doppelstock-Bett oben oder unten schlafen soll.

Sie haben gemeinsam entschieden, sich immer abzuwechseln. Und es funktioniert wunderbar! Ohne jeden Streit.

Bei mir würde Lola in wütendes Geheul ausbrechen...

Heute früh fragte Pavel, ob Lola auch zu seinem sechsten Geburstag kommen wird.

"Ja", rief Lola ganz begeistert.

"Natürlich", sagte ich voll schöner Erinnerungen an den letzten Geburtstag.

"Mmh, aber ich will nicht, dass Lola zu meinem Geburtstag kommt", erklärte er bestimmt.

Lola heulte wütend auf.

"Warum denn nicht?", fragte ich.

"Weil ich meine Freunde Oskar, Willi und Anton einladen will. Und ... die kommen nicht, wenn Lola da ist."

"Wieso denn das?", fragte ich.

Er zuckte mit den Schultern. "Die mögen Lola nicht".

Jeden Tag sehen sie Lola, wenn ich zusammen mit ihr Pavel im Kindergarten abhole. Und ab und zu kommen ein paar freche Kommentare.

Als Lola selber noch im Kindergarten war, bis vor 3.5 Jahren, war so etwas nie vorgekommen. Aber da kannten sie auch alle Kinder.

Pavels Freunde kennen Lola nur vom Sehen.

So gut Inklusion innerhalb der Familie funktioniert, an ihren Grenzen hört sie schon auf. Wenn keine täglichen Kontakte bestehen... 

Aber Greta will ihren Geburtstag am liebsten auch ohne ihre kleinen Geschwister feiern.

Und vielleicht unternimmt Lola an Pavels Geburtstag etwas Schönes mit einer Freundin.

Oder Pavels Freunde lernen Lola besser kennen...

Zum Glück ist es noch einige Zeit hin, bis Juni.

Dienstag, 12. Dezember 2017

"Einmal ich tot war..."

"Lola, pass auf. Ein Auto", rief ich Lola heute früh beim Überqueren der Strasse zu. Und zog sie an der Hand zurück. Um Haaresbreite war ein grauer Ford an uns vorbeigeschossen.

"Du musst aufpassen an der Strasse. Wenn Dich das Auto erwischt, bist Du mausetot", sagte ich erregt. Und mein Herz schlug schneller.

"Nicht will tot sein", sagte Lola. "Nicht platt sein."

Ich streichelte ihre Hand und wurde langsam wieder ruhiger.

"Kannst Du Dich eigentlich erinnern an die Zeit, als Du noch im Himmel warst? Bevor du geboren wurdest?", fragte ich sie.

Immer mal wieder spreche ich die Kinder darauf an. Um zu hören, wie sie es sich eigentlich vorstellen, noch nicht geboren zu sein. Und wer weiss? Vielleicht haben sie ja auch eine Erinnerung daran...

Ganz aufgeregt erzählte Lola: "Einmal ich tot war. Nicht schön. Unter Erde, stockdunkel. Nicht will tot sein."

"Ach, und da erinnerst du dich dran?"

"Wieder hoch kommt", erzählte sie weiter. "Alle da wart. Mama. Verena. Nick. (Ihre Tante und ihr Onkel). Alle da wart. Besser."

"Da waren alle bei Dir, das war schön, oder", ermunterte ich sie zum weiter erzählen.

"Krankenhaus raus kommt. Nicht mehr dunkel. Will nicht tot sein", erklärte sie.

Krankenhaus. Wie kam sie denn da drauf? In Kombination mit meinem Bruder Nick und Verena?

Nach ihrer Geburt waren beide nicht direkt da gewesen. Und sie gehörten auch nicht zu unseren gelegentlichen Erzählungen über ihre Geburt.

Doch da fiel es mir ein. Dass sie einmal im Krankenhaus lag. Kurz nach ihrem ersten Geburtstag. Mit einer schweren Lungenentzündung. Zwei Wochen lang lag sie im künstlichen Koma. Und erwachte nur wie durch ein Wunder wieder zum Leben.

Und in einer Nacht war ihre Sauerstoffsättigung auf einen Wert nahe Null gesunken. Nur kurz, vielleicht wenige Minuten lang, aber der Zacken war am nächsten Morgen deutlich auf dem Überwachungsbildschirm zu erkennen.

Ich habe mich oft gefragt, was das bedeutet hat. Wie nah sie da dem Tod gekommen war.

Und auf einmal wirkte ihre Erzählung wie die von einem Nahtoderlebnis.

Denn im Krankenhaus waren Nick und Verena da gewesen. Hatten an ihrem Bett gestanden. Wenn ich es recht erinnere... 

Was für ein irrwitziger Gedanke.

Und doch...

Denn Lola hatte immer schon eine unglaublich starke Verbindung zum Jenseits.

Und der Tod und alle, die schon gestorben sind, haben für sie eine grosse Bedeutung. Über die sie mit grosser Natürlichkeit spricht.