Dienstag, 9. Oktober 2012

Die sich selbst erfüllende Prophezeiung?

Was mich in diesen Tagen hat nachdenklich werden lassen, waren einige Artikel in "Leben mit Down-Syndrom" zum Thema Erziehung und Förderung von kleinen Kindern mit Down-Syndrom, unter anderem im Zusammenhang mit der Montessori-Pädagogik von Lore Anderlik, die in München praktiziert. An mehreren Stellen stand darin, wie abhängig von den Erwartungen der Erwachsenen die Entwicklung eines Kindes mit Down-Syndrom ist. Dass es oft die zu niedrigen Erwartungen an Sprachverständnis, Verständnis überhaupt und die Entwicklungsmöglichkeiten sind, die erst dazu führen, dass die Kinder sich tatsächlich schlechter entwickeln und damit eine "sekundäre Behinderung" entsteht. Die Umwelt behindert das Kind sozusagen in seiner Entwicklung bzw. verhindert eine altersgerechte Entwicklung durch Unterforderung,  fehlende Umweltreize, zu geringe Anforderungen an Disziplin und Ordnung, mangelnden Sprachinput, usw...



Das unterschreib ich sofort, denk ich mir. Und im gleichen Moment weiß ich, dass ich genau das mache, mit Lola. Sie unterfordern. Ihr Dinge durchgehen lasse, weil ich denke, dass sie das nicht besser kann/versteht. Dass sie immer wieder mit dreckigen Schuhen durch die Wohnung stiefelt. Am Tisch rummatscht, obwohl sie feinmotorisch äußerst geschickt ist und sicher in der Lage wäre, ordentlich mit Messer und Gabel zu essen.

Oder: ihr nicht genug erkläre, weil ich glaube, dass sie das eh nicht versteht. Ihr die immer gleichen Worte beim Frühen Lesen vorlege, bis sie sie mir genervt vom Tisch fegt, weil sie sich wahrscheinlich zu Tode damit langweilt. Ich mich aber über ihre fehlende Disziplin ärgere. Anstatt ihr neue Karten anzubieten, mehr von ihr zu verlangen. Oder ihr komplexere Zusammenhänge langsam und mit vielen Gebärden und vielleicht auch Bildern zu erklären. Wo wir nachher hingehen, was genau wir da machen werden. Oder was wir gestern gemacht haben. Ich rede selten mit ihr über Zukunft und Vergangenheit, wie soll sie da eine Vorstellung von bekommen.... Klar, weil sie selber nichts sagen und fragen kann, aber eben doch VERSTEHEN.

An so vielen Stellen nehm ich sie einfach nicht ernst genug, glaub ich. Ihre Bedürfnisse, ihren Drang nach Selbständigkeit, auch ihr Bewusstsein ihrer Grenzen, dass sie sehr wohl hat. Wie oft sitzt sie verzweifelt da und weint, protestiert, kreischt mich an, weil sie etwas nicht schafft (Küche sauber fegen) oder ich ihr etwas nicht gebe und gewähre (ihr den Besen abnehme), und sie sich nicht anders zu wehren weiß. Und ich ignoriere das, weil es eben so viel einfacher und schneller ist. Kreischt sie halt mal wieder. "Lola, das ist mir zu laut. Hör auf zu schreien", ist dann mein Standardsatz.... Hilft so ziemlich gar nix. Außer, dass ich mich zum x-ten Mal ärgere.

Erst in den letzten Wochen versuche ich, das wirklich anders zu machen. Versuche, heraus zu bekommen, was sie wirklich will, wenn sie so herum schreit. Und darauf einzugehen, wenn möglich (bzw. wenn ich mag). Allerdings ist es oft gar nicht trivial, herauszufinden, WAS sie möchte. Weil ihre Gebärden nicht immer eindeutig sind, vor allem ohne Kontext.

Ein Beispiel von Sonntag früh. Lola gebärdet ganz wild etwas großes Eckiges. Könnte die Gebärde für Zimmer sein, oder Schrank oder Karte. Und sagt dazu KRO, KRO. "Lola, ich versteh nicht.... KRO? Was meinst du? Großer Schrank? Großes Zimmer?  .... Ach soooo, du meinst Grün!!! Die Karte!!! Damit sollen wir spielen!!!" Das Spiel besteht darin, gelbe und grüne UNO-Karten auf die Wort-Karten GELB und GRÜN zu legen. Die beiden Worte lernt Lola nämlich gerade... Rot und Blau kann sie schon... "Na, klar, spielen wir das nochmal, Lola!"

Und was hat das jetzt mit Erwartungen zu tun? Normalerweise hätte ich gar nicht vermutet, dass ihre wilden Gebärden etwas so Genaues bedeuten. Ich hätte sie einfach abgetan und ignoriert, und Lola hätte wahrscheinlich wieder kurz aufgeheult und sich irgendwann getrollt. Wieder ein Kommunikationsversuch gescheitert. Wieder keine erfolgreiche Interaktion. Kein Erfolgserlebnis. Diesmal aber schon! Seit ich mich auf diese Art und Weise bemühe heraus zu bekommen, was sie möchte und mit vielen Gebärden und ganz wenigen, langsam ausgesprochenen Worten auch versuche, ihr Dinge zu erklären, weint und kreischt sie viel weniger. Und gebärdet und spricht viel mehr!!!

Lola, wir schaffen das. Bald kannst du richtig sprechen! Ich verspreche es. Ich werde die Geduld aufbringen! Deine ungeduldige Mutter, die immer gern die Flinte ins Korn wirft, wenn etwas nicht sofort klappt...

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo "ungeduldige Mutter" ;),

ich lese schon länger und vor allem sehr gerne bei Euch. Es ist spannend, wie Lola und Greta - nun auch noch Prinz Pavel - sich entwickeln. Und richtig gern lese ich von Deiner Entwicklung. Du hinterfragst Dein Verhalten, das ist doch schon die halbe Miete. Ich bin mir sehr sicher, dass Du es schaffen wirst, Dich genau auf Lola einzustellen. Ihr findet gemeinsam den Weg zum Sprechen. Bitte sei nicht traurig, wenn Du es manchmal "vergisst", genervt von der Situation bist, die Schnauze voll hast und aufgeben möchtest. Das ist normal, wo geht es schon immer nur gerade aus? Oft müssen wir reflektieren, innehalten und Situationen neu überdenken. Ob mit Down Syndrom oder anderen Behinderungen, klar, auch mit gesunden Kindern. Mach weiter so, Du gehst den richtigen Weg.

Alles Liebe unbekannterweise,
Margit

P.S. Super Gebärden-Übersicht, vielen Dank fürs Einstellen.

Alexandra hat gesagt…

Liebe Amelie,

auch ich lese hier schon lange still mit - genau seit Sommer 2009, als unsere Marlene auf die welt kam.
ich bin auch nach jeder lektüre in "Leben mit Down-Syndrom" frustriert darüber, was wir noch alles fördern müssten und wie viel mehr Geduld wir doch aufbringen müssten... Ich kann von meiner Erfahrung mit Marlene nur sagen: es ist, wie es ist. Man kann fördern und fordern, aber es gibt Grenzen. Ich kann mich noch erinnern, wie Du vor einiger Zeit immer wieder probiert hast, Lola zum Krabbeln zu animieren und es wollte einfach nichts werden und dann gab es plötzlich einen Eintrag "Lola läuft". Bei Marlene ist es ähnlich, wir denken manchmal, das schafft die NIE - und plötzlich kann sie es.
Unsere Taktik ist zur Zeit, dass wir konsequent sind und Marlene in den Alltag einbinden, wo es nur geht (aber das machst Du ja auch, wie ich immer wieder hier lese). Klar, das ist manchmal schwierig zu entscheiden, ob sie die Sachen jetzt nun wirklich versteht oder ob wir sie nicht überfordern. Aber mein Eindruck ist, dass Marlene ganz schön viel versteht. Und dann haben wir uns jetzt eine Einzelfallhilfe genehmigen lassen. Das entlastet uns ungemein, weil wir wissen, hier wird marlene einmal pro Woche von einer Fachperson betreut. Da bekommen wir auch noch mal ganz gutes Feedback, was wir Marlene nun zutrauen können und was nicht - die Kita alleine bringt da nicht so viel. Wir üben natürlich auch noch ganz viel - aber schließlich sind wir ja die Eltern und nicht die Therapeuten.
Marlene hat einen ziemlich üblen Herzfehler abbekommen und musste schon mehrfach operiert werden. Wir waren dann immer ganz krank vor Sorge, haben aber irgendwann gemerkt, dass wir Marlene vertrauen können - und das versuchen wir auch im Alltag zu beherzigen (wobei "versuchen" leider nicht immer heißt, dass es klappt...)
Also, hab Geduld mit Dir und Lola und vertrau Euch beiden, dass Ihr das schon, wie Reinhard Mey mal gesagt hat "mit Liebe so gut wie möglich falsch machen" werdet!

Alexandra

Annett hat gesagt…

Liebe Amelie,
magst du mir deine Mailadresse auf Luna´s Welt als Kommentar durchgeben. Ich lösche es dann und somit wird es nicht veröffentlicht.
Ich glaub bei eurem Blog ist es gleich online, oder. Daher - wenn es Dir recht ist - schlage ich es so herum vor. Ich schick dir dann auch meine Kontaktdaten zu :-)
LG
Annett

Anonym hat gesagt…

Hallo Amelie,

auch ich lese hier schon einige Zeit mit und finde die Gedanken oft sehr interessant. Meine Tochter ist seit einem schweren Autounfall schwer mehrfachbehindert, und deshalb natürlich ganz anders als Lola, aber bei den Kommunikationsproblemen ist es bei uns sehr ähnlich. Sie hat nach einigen Jahren wieder sprechen gelernt, hat aber extreme Probleme, wirklich zu sagen, was sie sagen will. Man sieht richtig, wie es in ihr arbeitet, aber sie bringt oft nur Anfangssätze raus, die sie vielfach wiederholt und an schlechten Tagen oft auch gar nicht zu Ende bringt. Es braucht sehr viel Geduld herauszufinden, was sie sagen will, und ich habe diese Geduld auch oft nicht. Wenn wir allein sind, geht es besser, aber wenn noch andere Menschen dabei sind, man selbst noch andere Gespräche führt, ist es oft sehr schwer. Ich neige auch dazu, es abzutun oder sie zu unterbrechen und habe so manches Mal ein schlechtes Gewissen. Aber was ich vor allem mit der Zeit gelernt habe, ist, dass sich die Geduld doch oft auszahlt, weil man viel mehr über sein Kind lernt und erfährt. Wie du ja wohl auch gesehen hast. Ich weiß auch, dass in meiner Tochter viel mehr steckt, als sie jemals sagen kann, und viel mehr, als ich ahnen kann. Was müssen unsere Kinder doch für eine Geduld mit uns aufbringen...
Liebe Grüße,
Doris-Anna

Elisabeth J.-S. hat gesagt…

Danke für diesen Post. Für Deine Gedanken und das "wachrütteln". Ich hab mich auch ein bisschen erkannt....ich merke mir das mit dem "unterfordern".
herzliche Grüsse
Elisabeth