Montag, 24. Februar 2014

Ist Gott ungerecht?

Letztes Wochenende, bei unserem Zwischenstop in Heidelberg, waren wir Sonntag früh im Gottesdienst. Denn unser Freund dort ist Pfarrer. Ich gehe sonst nur selten in den Gottesdienst. Aber dieser war eine Erweckung. Eine Predigt, die mich tief im Innersten berührt hat. Eine Botschaft an alle Sinne.

Es ging um die Frage, ob Gott ungerecht ist. Und dann erzählte er von dem klassischen Fall eines Menschen, dem das Leben im weltlichen Sinne alles genommen hat. Familie, Arbeit, Gesundheit, das Leben. Auf der anderen Seite aber standen die Menschen, die von Gott gesegnet waren. Interessanterweise waren das nicht unbedingt Menschen, die viel Reichtum besaßen. Auch wenn Gott sich nicht daran stieß, wenn jemand reich war. Nein, das war ok für ihn. Die Menschen, die von Gott gesegnet waren, waren auch nicht unbedingt Menschen, die glücklich waren. Nein, Gott hatte nichts dagegen, wenn jemand glücklich war. Obwohl es Zeiten gegeben hatte, wo großes Unglück ein Merkmal darstellte, von Gott auserwählt zu sein. Nein, es war ok für Gott, wenn jemand glücklich war. Doch die Menschen, die Gottes Segen hatten, die waren oft alles andere als glücklich. Die schrieen und verzagten und weinten und zweifelten. Und doch, waren sie auserwählt.

Und da wurde mir plötzlich schlagartig bewusst, in welch seltsamen Zeiten wir leben. In denen doch tatsächlich materieller Wohlstand und permanentes Glück als Ideal gelten, als Auszeichnung in dieser Welt. Und ständig von uns angestrebt werden! Um uns gut und 'auserwählt' zu fühlen. Und wenn wir es nicht schaffen, auf ein gutes Einkommen zu kommen, eine glückliche Familie zu haben, uns immer zufrieden und ausgeglichen zu fühlen, dann haben wir ein schlechtes Gewissen... Fühlen uns schlecht und unfähig.

Aber Gott ist das alles vollkommen egal. Der verteilt seinen Segen auf Basis anderer Kriterien. Der ist viel milder, als wir selbst zu uns sind. Wie furchtbar ist da die Vorstellung, tatsächlich nur auf die Werte unser geltenden Gesellschaftsordnung angewiesen zu sein. In diesem System sich bewähren zu müssen. Und wie befreiend, sich in Gottes Gnade fallen lassen zu dürfen. Der so großzügig ist. Da erschien mir die Vorstellung, Teil der Kirche zu sein, plötzlich als ein großes Geschenk. Und ich fragte mich, warum die Kirchen nicht viel mehr Zulauf bekommen in solch harten Zeiten. Wahrscheinlich, weil es mangelt an solchen Predigern.

Und dann schaute ich auf mich. Während der Predigt schon. Wie so vieles auf mich zutraf, was es an Ungerechtigkeiten auf der Welt zu geben scheint... Wie mein Leben von außen betrachtet, ein äußerst leidvolles sein müsste. So viele Tode in unser Familie, Trennung, Kind mit Down-Syndrom.

Und doch, wenn ich auf mein Leben blicke, habe ich fast immer das Gefühl, gesegnet zu sein. Oft denke ich an das Bild vom Sterntaler, das sich hinstellt, und sein Röcklein aufspannt und die Sterne fallen vom Himmel ... Genauso fühle ich mich oft (wenn ich nicht gerade verzweifle, schreie, hadere und mich aufs Tiefste gräme). Ich habe drei gesunde Kinder, einen liebenden Mann, eine Familie, die ich liebe und die mich unterstützt, eine wunderschöne (viel zu kleine Wohnung), einen Job mit wunderbaren Kollegen (der zum Leben reicht), liebste Freunde und den Frühling, der vor der Tür steht.

Und ich habe Lola, die mich gelehrt hat, das alles zu sehen!

Und ich bin einfach nur dankbar und froh, mit all diesem Glück gesegnet zu sein! Immer wieder und aufs Neue. Und auch dankbar dafür, dass es immer wieder schwindet, damit ich merke, wie besonders das alles ist. Und dankbar, für diese wunderbare Predigt, ohne die ich das überhaupt nicht so verstanden hätte.

So, das musste ich heute loswerden. Obwohl ich schon seit einer Stunde im Bett liegen wollte. Heute endlich mal, wirklich, vor Mitternacht....

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Der große Versandhändler ist schnell! Dafür, dass Ihr Buch erst heute erscheinen sollte - der Postbote hat es mir gerade
gebracht und so liegt es noch verschweißt in Folie vor mir :-) Bin schon sehr neugierig und freue mich auf das Lesen. (Eigenartig - mein Bezug zu DS beruht auf einem kleinen Heftchen, das bei uns in einem Supermarkt ausgelegt war und über ein Mädchen aus der Steiermark berichtete - Madeleine - darin war ein Link zur Homepage der Familie. Und dort klickte ich weiter, lese jetzt täglich einen Blog aus der Schweiz und den Ihren. Liebe Grüße aus Österreich an Sie und Ihre sympathische Familie, Angelika

amelie hat gesagt…

Wow! Das sind ja Wege. Toll, dass du das erzählst... Ich hab neulich nur den Trailer von Down-Syndrom Österreich gesehen. Vom DS Zentrum 'Leben Lachen Lernen'. Da war Madeleine glaub ich auch dabei, oder? Ihren BLog hab ich leider nicht gefunden, zumindest sagt mein Browser, dass der Server des Blogs nicht existiert...
Ich hoffe, das Buch gefällt Ihnen. Ich bin schon gespannt auf Ihr Feedback.
Viele Grüße,
Amelie Mahlstedt