Donnerstag, 2. April 2009

Freies Spiel oder Drill?

Gestern war ich wieder bei unser neuen Physiotherapeutin, Frau Laube. Heute bei der Frühförderung, bei Frau Sammler. Und habe gemerkt, dass zwischen beiden Frauen Welten liegen - in ihrem ganzen Denken und vor allem in ihrem Umgang mit Lola.

Frau Laube hat die normale Entwicklung eines Kindes, scheinbar linear, im Auge und ihr Ziel besteht darin, Lola da möglichst nahe ran zu bringen. Durch intensive Übungen, die klare Vorgaben machen, wenig Variation zulassen und Lola (und mir) viel Disziplin abverlangen. Die ihr einen klaren Rahmen setzen, innerhalb dessen sie bestimmte Lerninhalte möglichst programmartig erwerben soll. Gestern sollte ich zum Beispiel Lola auf dem Schoss halten, im Seitstütz, damit sie ihren Armstütz verbessert. Dabei sollte sie Ringe von einem Stab ziehen, einen nach dem anderen, und danach wieder draustecken. Ich habe erstmal eine intensive Diskussion mit Frau Laube begonnen, in der ich versucht habe, ihr zu erklären, dass ich möchte, dass wir Lola mehr Zeit geben und ihr nicht so enge Vorgaben machen. Nach langer Diskussion hat sich Frau Laube auf eine etwas längere Wartezeit eingelassen, aber keine grossen Variationen zugelassen. Also kein langes Anlutschen der Ringe, kein Wegwerfen, kein Rumschleudern des Stabes. Sie sollte nach Prinzip X den Auftrag ausführen. Und das hat sie zum Glück auch. Durch intensive sprachliche Begleitung durch mich 'Guck mal, Lola, der Ring. Gib den mal. In die HAND!' Sie hat es erstaunlich gut gemacht, ich war selber überrascht. Langsam, aber stetig. Ich kam mir aber ein bisschen vor wie in der Schule. Die nächste Übung bestand darin, Wäscheklammern durch einen Schlitz in einer Wand zu stecken. Frau Laube hat kräftig mitgeholfen, also die Klammern auf der anderen Seite entgegengenommen, damit Lola nicht den Mut verliert. Auch das hat sie ganz gut gemacht, fand ich. Denn es war echt schwer für sie, die andere Handstellung hinzukriegen, denn bis jetzt hat sie immer Sachen durch Schlitze in horizontalen Flächen gesteckt. Frau Laube meinte, Lola müsse viel mehr hinkriegen als ihre etwa 15 Klammern, das müsse man täglich zu steigern versuchen. Sie müsse Erfolg haben und von sich aus dann mehr spielen, so wie andere Kinder auch, die sich wohl bis zu einer halben Stunde mit so einer Tätigkeit aufhalten können. Dritte Aufgabe war dann, Gummibälle in eine grosse Flasche zu stecken. Lola sass dabei im Kniestand zwischen meinen Beinen und musste sich immer auf den Boden beugen, um die Bälle von dort aufzuheben. Ziel der Übung war, dass sie sich beim Runtergehen mit beiden Händen abstützt, dann mit einer nach dem Ball greift und wieder hoch kommt. Realität: Sie lässt sich gerade soweit runter, dass sie gerade an einen Ball kommt, gehalten durch ihre Rückenmuskeln. Der Bauch schaukelt gemütlich vor ihrem Körper, Muskelkraft null. Handstütz gar keiner. Lola streckt eigentlich nie ihre Arme aus, wenn man sie runterlässt. Fällt sie, fällt sie eher auf ihr Gesicht, als dass sie sich auffängt. Frau Laube meinte, diese Reaktion müsse erst reifen, basierend auf ihren Erfahrungen mit der Umwelt. Aber sie bräuchte wohl sehr viele davon, bevor die Reaktion zuverlässig einsetzt. Ich kann ihr helfen, indem ich ihre beiden Arme nach vorne führe, wenn sie runtergeht. Damit sie das ganze internalisiert, die von aussen geführte Bewegung sozusagen verinnerlicht.

Irgendwie stehe ich manchem, was Frau Laube sagt, skeptisch gegenüber, schränkt es Lola doch recht stark ein. Betrachtet den Lernvorgang mehr als Konditionierung und programmartigen Drill, denn als Erkenntnisgewinn aus eigenmotiviertem Entdeckerdrang, so wie ich es bis jetzt immer gesehen habe. Aber ich muss zugeben, es hilft Lola. Viele der Bewegungen, die wir in diesen Situationen immer und immer wieder üben, hat sie schnell verinnerlicht und nutzt sie auch später in anderen Situationen. Ich sehe viel grössere 'Fortschritte'. Sie muss es halt immer und immer wieder machen. Und von sich aus macht sie immer eher Sachen, die sie schon längst beherrscht. Sie sucht sich nie selber ehrgeizige Projekte und probiert lange aus, ob denn das dumme Ding da in die Schachtel passt oder die dumme Schachtel endlich aufgeht. Dann robbt sie halt weiter zum nächsten Kabel, was man anbeissen kann. Oder rasselt stundenlang mit dem Eggshaker. Insofern sehe ich schon ein, dass man sie auch mal triezen muss, damit sie neue Fertigkeiten erlernt, die sie von sich aus vielleicht erst viel viel später oder gar nicht lernen würde.

Heute dann bei der Frühförderung, bei Frau Sammler. Die von klar vorgegebenen Programmen gar nichts hält. Die sehr stark auf Lolas eigenen Entdeckerdrang, auf ihre Motivation achtet und ihre doch viel langsamere Entwicklung dabei immer berücksichtigt. Die Entwicklung nicht als linear betrachtet, sondern als eine nichtlineare Wanderung mit vielen Umwegen, übrigens auch bei Kindern ohne Down-Syndrom. Bei Frau Sammler darf Lola viel freier spielen. Die Umgebung ist so vorbereitet, dass sie Anreize bekommt, neues auszuprobieren, altes nochmal zu üben. Die Spielsachen liegen immer an denselben Stellen wie in einem Parcours, jedes Mal gibt es nur wenige neue Sachen. Lola kennt vieles schon, so zum Beispiel das Steckspiel mit Zylindern, Kanthölzern und Dreieckhölzern. Zieht die Stäbe raus und - leicht geführt von Frau Sammler - steckt sie sie wieder rein. Sie lutscht sie intensiv an, schlägt sie aneinander, steckt sie wieder in den Mund, wirft sie weg. Frau Sammler beobachtet sie dabei, meint, dass sie dies brauche, um wichtige Informationen über das Material, die Form und die Grösse der Steine zu bekommen. Erst wenn die Auge-Hand-Koordination genügend ausgereift sei, würde sie von sich aus aufhören, die Sachen in den Mund zu stecken. Man müsse ihr aber unbedingt diese Zeit geben, sonst könne sie ganz wichtige Informationen nicht erwerben. Dann robbt Lola weiter, spielt von sich aus mit einigen dicken Holzkugeln, die sie auf eine flache Schale wirft und ihnen beim Rollen zuschaut. 'Kugeln, rolle, rolle', begleitet Frau Sammler sprachlich. Dann legt Frau Sammler eine Kugel auf eine Kugelbahn und Lola schaut ihr hinterher. Kurz danach legt Lola von sich aus eine Kugel drauf, wirft sie zwar fast über den Rand, aber Frau Sammler hilft. Und noch eine, und noch eine und noch eine. Angespornt von meiner Mutter, die heute mit zur Frühförderstunde gekommen ist. Irgendwann lässt Lola das Spiel und robbt zu meiner Jacke bzw. Tasche. Ich versuche, sie daran zu hindern. Aber Frau Sammler bittet mich, sie zu lassen, denn 'mal schauen, was sie vor hat'. Wenn es sie langweilt, kommt sie schon wieder zurück. Und tatsächlich, sie sucht sich das nächste Spielzeug, eine Schachtel. Die stellt Frau Sammler aber schnell auf ein hohes Kissen, auf das Lola erst kriechen muss, um an die Schachtel zu kommen. Macht sie auch, obwohl das Kissen fast 10 cm hoch ist. Mit ihrem Meerjungfrauschwanz, zu dem wir ihr die Beinchen immer mithilfe der Strumpfhose zusammen binden, gar kein Problem für sie. Hat sie beide Beine normal, fällt ihr das Hochkommen viel schwerer, weil sie dann immer in eine Froschhaltung gerät, aus der heraus sie viel weniger Kraft in den Beinen hat. Sie kriecht wieder geschickt vom Kissen runter und wieder hoch, als Frau Sammler sie lockt. Doch plötzlich rutscht sie am Rand ab und knallt runter. Verzieht zwar keine Miene, aber versucht nicht noch einmal hochzuklettern. Sondern sucht sich was neues. Frau Sammler meint, dass sein eine häufige Reaktion bei Fehlschlägen. Und die sei auch verständlich, denn ihre Energiereserven seien begrenzt. Klar, wenn ich krank und ein bisschen schwach bin, räum ich auch nicht meine Wohnung um... Lola hat einen Stoffhasen entdeckt, pünktlich zum nahenden Osterfest. 'Hase, Hase' sagt Frau Sammler und macht die Gebärde. Und Lola? 'Dadaaaa, dadaaaa'. Frau Sammler nochmal 'Hase, Hase'. Und Lola? 'Haje'. Meine Mutter klatscht begeistert in die Hände. 'Sie hat Hase gesagt, wow, Lola, super.' Ich lache auch ganz schön, denn es klang fast perfekt. Frau Sammler beschwichtigt: 'Naja, so fängt das beim Worterwerb an. Die ersten zufälligen richtigen Treffer werden durch positive Reaktionen verstärkt. Aber vom wirklichen Wortverständnis sind wir noch weit entfernt. ' Und macht weiter 'Hase, Hase' und als Geste mümmelt sie wie ein Häschen und führt dabei ihre Hand zum Mund, als würde sie eine Möhre essen. Und Lola? Führt ihre Hand auch zum Mund. Und das gleich mehrmals. Hat sie Hunger? 'Das probieren wir aus', sagt Frau Sammler. Und kniet Lola vor ein dickes Kissen, etwa 30 cm hoch. Und Lola? Geht aus dem Kniestand in den Stand, zieht sich auf das Kissen, über das Kissen und lässt sich auf der anderen Seite runter, mit Frau Sammlers Hilfe. Und zieht sich an mir hoch, greift mit der Hand zu meinem Pulli, auf der Suche nach der Brust. Ich bin sprachlos! Vor einer Woche hat sie heulend vor mir gelegen, als sie 10 cm zu mir robben sollte und jetzt sowas? Sie hat sich noch nie selber zum Stand aufgerichtet, geschweige denn auf solche Höhe hochgezogen. Lola, grosse Lola! Bravo! Na, der Hunger treibt's. Und zur Belohnung kriegt sie auch ein Stück Brötchen und ist zufrieden. Und die Stunde zuende. Ohne Tränen, ohne Widerstand, ohne Zwang, ohne 'Übungen'. Und solche Erfolge!

Oder sind wir vielleicht doch nur soweit gekommen, weil Lola in der Physiotherapie schon soviel 'geübt' hatte, in vielleicht etwas monotoneren und stärker gesteuerten Spielsituationen? Weil sie in ihrer '(Bein)freiheit' eingeschränkt ist? Weil wir täglich unsere Sit-ups machen, die sie von sich aus bestimmt nicht machen würde? Vielleicht ergänzen sich Frau Laube und Frau Sammler doch ganz gut, auch wenn sie von unterschiedlichen Sternen zu kommen scheinen. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen....

Kommentare:

Maria hat gesagt…

Danke, dass Du das so toll dokumentierst, das ist sehr wertvoll.

Das mit dem "Warum" plötzlich die vielen Fortschritte, habe ich mich bei Deinen letzten Schilderungen schon gefragt und wollte einfach den Gadanken nicht denken, dass es vielleicht der "Drill" aus der Physiotherapie ist, der dann beim freien Spiel der Frühförderung zum Tragen kommt...;-)

Aber vielleicht ist es wirklich die Mischung der beiden Stile und das tut Lola gut.

Solange Lola bei der Physiotherapie mitmacht, passt das doch, oder? Ich glaube auch, dass Du ein gutes Gefühl dafür hast, wann es ihr zu viel würde und dann kannst Du ja einschreiten oder grundsätzlich den Kurs ein bisschen korrigieren - so wie Du es ohnehin diesmal schon gemacht hast.

Im Leben begegnen wir velen unterschiedlichen Menschen, die unterschiedlich mit uns umgehen. Das lernt Lola jetzt bestimmt sehr intensiv. Und ihre Mama ist ja immer in der Nähe! :-))

Liebe Grüße
Maria

PS: ist es Dir recht, wenn ich Euch bei uns verlinke?

Anonym hat gesagt…

Hola chica,
seguro que son las dos cosas combinadas, a fin de cuentas, para Lola es como empezar a hacer deporte, primero hay que reforzar los músculos y eso sólo se consigue repiriendo las cosas mil veces... un rollo, pero hay que hacerlo!
Un besote
Elena

Katrin hat gesagt…

Liebe Amelie,
danke für den ausführlichen Bericht. Überhaupt ein Mal "DANKE" für Deine vielen Informationen, die immer total wertvoll für mich sind, auch wenn ich nicht immer kommentiere. Ich hoffe sehr, dass die Mischung Frau Sammler/ Frau Laube bei Hannes auch Früchte tragen wird bzw. er damit klar kommt. Ende April haben wir unseren ersten Termin bei Frau Laube...Obwohl ich eigentlich von Natur aus auch lieber den sanften, spielerischen, geduldigen Weg mit ihm beschreite, denke ich, dass auf dem MOTORISCHEN Gebiet bei Hannes jetzt einfach etwas mehr "Druck" erforderlich ist, als das momentan der Fall ist. Ehrlich gesagt, mein Gefühl sagt mir, dass diese Mischung, die Du hier beschreibst, der richtige Weg sein könnte. Hannes hat mit 5 Jahren noch immer viele motorische Defizite (z.B. kann er noch nicht hopsen bzw. springen). In seiner momentanen Physiotherapie sehe ich nicht mal, dass diese wirklich als solche erkannt, geschweige denn "bearbeitet" werden. (So nach dem Motto: "Das wird schon alles irgendwann.") Ich hoffe nur, dass Hannes den "anderen Weg" annimmt.

Ich melde mich nächste Woche - da haben wir gar keine Termine und falls Ihr auch da seid, würden wir uns über ein Treffen sehr freuen. Bis dahin ein wundervolles sonniges Wochenende.

Julia hat gesagt…

Hallo Amelie, du machst dir aber große Mühe das alles so akribisch zu dokumentieren. Auch von mir ein Dankeschön! Ich denke auch, die Mischung machts.. verschiedene Leute haben verschiedene Herangehensweisen. Wichtig ist wohl, dass die ganzen "Termine" etwas bringen und nicht (nur) Spielerei sind, denn das bringt wohl keinem was. So ist es doch auch im "wirklichen" Leben, man lernt von dem einen das von dem anderen das und vieles durch Zufall, Erfahrung und Entdecken.. LG, Julia

amelie hat gesagt…

Danke, danke für die lieben Kommentare. Ja, gestern war ich wirklich sehr akribisch. Aber es tut mir auch selber gut, das so genau festzuhalten. Wer weiss, wozu es nochmal gut sein könnte. Falls man auch später mal Tips geben will. Oder weil man wichtige Schritte oft erst im Nachinein erkennt. Aber die Details hat man dann schon oft vergessen... Also, es dient mir auch selber, als Erinnerungsstütze. Und ich bin froh, wenn es dem ein oder anderen ein Anstoss sein kann.

Mir tut der 'Drill' von der Physiotherapeutin auch sehr gut, denn bis jetzt habe ich mit Lola eigentlich nie was 'geübt'. Seit ich es mache, sehe ich Veränderungen im Wochenrhythmus, wo sie früher eher im Drei-Monatsrhythmus kamen. Das macht natürlich Mut und spornt an.

Ich habe auch immer gedacht, das wird schon, sie schafft das von alleine. Aber ich muss sagen, das stimmt nicht. Oder zumindest dauert es echt lange. Es ist echt 'hartes Training', wie beim Sport eben. Keiner kann von Natur aus perfekt Tennis spielen. Und niemand lernt im Vorbeigehen eine Fremdsprache. Irgendwie scheint dieses liebe dritte 21. chromosom doch einiges am ursprünglichen Bewegungs- und Sprachinstinkt zu verändern. Nur gut, dass man auch aus Erfahrung lernen kann und nicht alles vorprogrammiert ist. Und das müssen wir uns zunutze machen und Extra-Erfahrungen positiver Art anbieten.

Liebe Grüsse,
Amelie