Dienstag, 10. März 2009

Lehrer mit Down-Syndrom?

In ein El Pais ist ein sehr schöner Artikel über Pablo Pineda und seine Erfahrungen als Lehrer erschienen. Hier meine freie Übersetzung ins Deutsche:


„Das wird der Hammer für die Gesellschaft, wenn ich als Lehrer arbeite“

Der erste europäische Hochschulabsolvent mit Down-Syndrom fordert, mit der Überbehütung aufzuhören

MANUEL J. ALBERT - Córdoba - 10/03/2009

„Seit 15 Jahren tauche ich in den Medien auf und spreche von der Integration, von der Normalisierung. Man muss das den Leuten nicht immer erklären. Ich bin hierher gekommen, um zu unterrichten, eine Stunde über Film. Und das mache ich.Weil ich Lehrer bin, unabhängig davon, ob ich Down-Syndrom habe oder nicht.“ Wer spricht ist Pablo Pineda, der erste Europäer mit Down-Syndrom, der einen Hochschulabschluss hat. Und die Kinder, die das Glück haben, eine Stunde zu erhalten, sind die Schüler der sechsten Klasse des Colegio Miguel de Cervantes, in Montemayor (Córdoba). „Natürlich möchte ich unterrichten. Deswegen habe ich Lehramt studiert und mir fehlen nur noch vier Scheine, um auch Psychopädagogik ab zu schließen. Aber ich weiß, wenn ich einmal als Lehrer arbeite, dann wird das der Hammer für die Gesellschaft. Die Familien haben immer noch Angst vor Menschen mit Down-Syndrom, dass sie Lehrer werden, dass sie die Freunde ihrer Söhne oder Töchter werden...“. „Ich bin es leid, der ewige Schüler zu sein, das ewige Kind. Jetzt bin ich an der Reihe, eine Stunde zu halten.“

Und gestern hat er sie gehalten. Die etwas mehr als zwanzig Schüler hörten ihm 45 Minuten lang zu, wie sie es bei jedem Lehrer machen. Obwohl es diesmal etwas Besonderes war. Er erzählte ihnen vom Kino. Gebürtig in Malaga, im Jahr 1974, hat er gerade im Spielfilm Ich auch die Hauptrolle gespielt und kennt aus eigener Erfahrung, was er den Schülern erklärt: die Wichtigkeit des Drehbuches, die Fotografie, die Anweisung der Schauspieler, die Macht des Soundtracks. Auf einfache und didaktische Weise erklärt der Lehrer die Schritte bis zum Abschluss eines Filmes.

Die Schüler – unter ihnen ein Junge mit Down-Syndrom – unterbrachen ihn ein paar Mal, um Frage zu stellen. Aber alle bezogen auf den Unterricht. Dass Pablo ein Chromosom mehr hat als die eigentlichen zwei 21ten Chromosomen, war ohne Bedeutung. Auch der Lehrer erwähnte das Thema zu Beginn nicht. Es war nicht nötig. Er war ein Lehrer, der eine Stunde hielt. Nur als ein Schüler ihn nach dem Titel des Films fragte Ich auch, erklärte der Lehrer, dass das „eine Form sei, eine Rechtsforderung von Menschen mit Down-Syndrom zu verbildlichen: ich kann auch, ich kann das auch machen, ich kann auch lernen, ich kann mich auch verlieben“. Alle waren still. Und die Stunde ging weiter.

Der Besuch von Pineda in der Schule hatte sich vor einigen Monaten entwickelt, als die 385 Schüler vom Lehrer Antonio Cantos die Aufgabe bekamen, einen Aufsatz zu verfassen, ob es ihnen gefalle, dass Pablo Pineda sie unterrichte. Sie sagten mit Einstimmigkeit Ja. So dass der Lehrer kam, eingeladen von der Schulleitung, und bis Donnerstag bleibt und an einigen Stunden der vierten, fünften und sechsten Klasse teilnehmen wird. Pineda weiß, dass seine Anwesenheit viele Erwartungen weckt. „Es ist ein zweischneidiges Schwert. Die Familien mit Kindern mit Down-Syndrom (in der Schule sind zwei, neben neun Schülern mit besonderem Förderbedarf) könnten denken, dass alle ein Studium beenden können. Aber dass klappt nicht immer. Die Menschen sind verschieden. Man muss nicht ein Pablo Pineda sein und an die Universität gehen. Man muss aber auch nicht denken, dass aus dem eigenen Kind nichts wird. Das Ziel ist ein Mittelweg, sie zur Selbständigkeit zu erziehen, damit sie glücklich sind. Aber dafür muss man ihnen auch Freiheit geben, Überbehütung vermeiden und es ihnen erlauben, von den schlechten Erfahrungen zu lernen, von den Schlägen, vom Leid. Nur so kommt man weiter.“

Kommentare:

Kerstin Mock hat gesagt…

Was ein toller Artikel!

Irgendwie müsste man diese Infomartionen über Pablo Pineda viel mehr an die deutsche Öffentlichkeit bringen...

Liebe Grüße von der Nordsee
Kerstin Mock, eine begeisterte Leserin Ihres Blocks

ml22 hat gesagt…

toller artikel - danke für die übersetzung. und: ich stimme kerstin zu! insbesondere, da am 21.3. welt-ds-tag ist. das ist doch ein prima "aufhänger"!
mit deiner zustimmung, lola, würde ich den artikel gern auch in meinem blog veröffentlichen.

amelie hat gesagt…

Schön, dass euch der Artikel gefallen hat. Es gibt noch viel mehr interessantes Material in Spanien, die sind wirklich Spitzenreiter, was Integration und Normalisierung angeht. Ich muss wohl noch viel mehr übersetzen...

Und na klar müssen die Informationen an die Öffentlichkeit. Die deutsche hat immer noch ein vollkommen überholtes Bild von Menschen mit Down-Syndrom. Aber wo fängt man am besten an? An wen wendet man sich?

Und gerne darfst du den artikel auf deinem blog verlinken.

grüsse,
amelie

Eliane Zimmermann hat gesagt…

mein bruder mit ds hatte noch ein suaerstoffprobelem bei der geburt abbekommen, so dass er einer der "schwereren fälle" ist (aber nicht minderglücklich", ich habe aber schon viele clevere kinder und teenager mit ds gesehen. aber dass sie es bis zu einem hochschulstudium schaffen können, war mir neu und ich finde es grandios. vielen dank für diese information!

Nora hat gesagt…

Danke für diesen Tollen Artikel - darf ich die deutsche Version bei Dir "klauen" und auch in den blog stellen? Würde gerade so gut in meinen März passen:-)
Und Deine verrückte Welt gefäält mir unheimlich gut:-)
*wink*
Nora

Anonym hat gesagt…

Hallo, weiß einer von Euch wann der Spielfilm "Ich auch" veröffentlicht wird??