Freitag, 10. Oktober 2008

Meine Lehrerin....

So oft habe ich mich gefragt, was wirklich wichtig ist im Leben. Worauf es wirklich ankommt. Habe keine Antwort gefunden. Tief in mich hineingehört, aber da kam nichts. Keine Idee, kein blasser Schimmer. Immer nur weiter dieses rastlose Suchen ...

Jetzt ist Lola da. Und es ist, als hätte sie mich an die Hand genommen. Und ich lasse mich führen. Wenn ich so lebe, fühle und denke, dass ich mit Lola glücklich bin, dass ich sie einfach annehmen kann, so wie sie eben ist, dann muss es der richtige Weg sein.

Eine liebe Freundin von Ricardo aus Gijon, Cecilia, hat mir dabei geholfen, das zu begreifen. Ich erzählte ihr von meinen Versuchen, Lola einfach so anzunehmen, wie sie ist. Und davon, wie schwer das ist. Dass ich immer nur das an ihr sehe, was 'anders' ist. Und dass ich irgendwie das Gefühl habe, dass ich mich selber gar nicht wirklich so annehme, wie ich bin. Und sie also auch nicht annehmen und lieben kann. 'Hör auf, so viel darüber nachzudenken', sagte sie, 'Lola wird es dir zeigen'.

Und Cecilia erzählte mir von einer ihrer besten Freundinnen aus ihrer Kinderzeit, von der sie sehr sehr viel gelernt habe. Einem Mädchen mit Down-Syndrom, deren Namen ich leider vergessen habe, nennen wir sie Maria. Sie sind gemeinsam in eine Klasse gegangen. Sie erzählte mir davon, wie sie neben Maria auf der Wiese im Park gesessen habe. Und Maria zeigte ihr das Gras und die Blätter und die Wolken. Und da merkte sie, dass sie eigentlich gar nichts wusste über das Gras oder die Blätter oder die Wolken. Aber Maria sprach darüber, als seien es ihre besten Freunde.

Und diese Worte haben irgendwie einen Hebel bei mir umgelegt. Denn wer entscheidet eigentlich darüber, was wichtig und was unwichtig ist in diesem Leben? Ist es nicht genau so wichtig, sich über die unglaubliche Perfektion eines Grashalmes zu freuen, wie über seine chemische Zusammensetzung detailliert bescheid zu wissen, ihn abzumähen, oder auch ihn aufzuessen (das macht Lola z.B.)?

Aber natürlich haben mir noch ganz viele andere Leute geholfen, Lola anzunehmen, so wie sie ist. Vor allem all die lieben Freunde und Bekannten in Italien und Spanien, die Lola einfach nur in ihren Arm genommen haben, sie gestreichelt haben, sie knuddeln wollten, sich über ihr Lachen gefreut haben. Von Down-Syndrom war da nie die Sprache. Das hat eigentlich niemanden wirklich gross interessiert. Wie wohltuend war das nach all den komischen Blicken, die ich in Deutschland oft bekommen habe. Oder auch all den gut gemeinten Fragen über DS, Diagnose, Förderung, Zukunft. Klar, alle wollten mir auch Mut machen, mir helfen. Aber irgendwie war immer das Syndrom im Vordergrund. Plötzlich war davon keine Rede mehr. Lola war einfach nur ein süsses kleines Mädchen, mit einer wilden Locke, die mit dem ganzen Köper rudert und bebt, wenn sie sich freut. Die glücklich ist, wann immer Menschen da sind und reden und lachen. Und gar nicht genug kriegen kann davon. Und seitdem sehe auch ich selber immer weniger das an ihr, was 'anders' , sondern das an ihr, was 'besonders' ist, einfach weil Lola LOLA ist.

Und Lola hat mir so vieles schon gezeigt. Aber davon später mehr ...

Kommentare:

Gabriela hat gesagt…

Liebe Amelie
du schreibast mir einmal mehr mitten ins Herz. Hab Dank!
Ich hoffe, du hast meine "Antwort" auf deinen Kommentar neulich noch gefunden.


Guten Tag mit deiner wundervollen Lehrerin wünscht dir

Gabriela, auch Schülerin :-)

amelie hat gesagt…

liebe gabriela,

klar hab ich den gefunden. und der letzte post war auch ein kleiner versuch einer antwort. ich hatte allerdings noch viel mehr dinge im kopf, die mir aber überhaupt nicht gelungen sind, sie aufzuschreiben.

ich kenne deine gefühle nur zu gut, glaub mir das. zumindest war es lange so und ist auch immer wieder mal so. vielleicht schreibe ich vieles nicht so ehrlich auf, um diesen ja oft negativen gedanken nicht zuviel macht über mich zu geben.und glaub mir, ich habe genug schrott in meinem hirn, aber was lola angeht hält es sich erstaunlicherweise in grenzen.

es ist auch vor allem ricardo zu verdanken, dass lola's down-syndrom bei uns zuhause keine grosse rolle spielt. denn er interessiert sich nur mässig bis gar nicht dafür. am anfang war es zwar er, der umgekippt ist und einen tag lang nur geheult hat (nachdem er im internet nach trisomie 21 gegoogelt hatte). sein leben zerstört sah. aber nachdem er da einmal durch war, war das ganze für ihn gegessen. und er hält mich immer wieder bei der stange. wenn ich mal wieder traurig bin, weil die leute so blöde gucken, sagt er nur, 'me da completamente igual'. was soviel heisst, dass es ihm total egal ist, wenn ihn die leute mit lola komisch anschauen. 'ademas, es muy guapa'. auf deutsch: 'und überhaupt, sie sieht total hübsch aus'. und lola vergöttert ihren papa. wenn er kommt, hat sie nur augen für ihn, lacht mit dem ganzen körper und die beiden flirten richtig. na, väter und ihre töchter. in seinem kopf gibt es einfach überhaupt kein label mit 'down-syndrom', 'anders' oder sonstwas. Lola ist einfach Lola. Und falls ich mal wieder traurig werde und lola durch's alte raster sehe, hilft mir seine grosse papa-liebe einfach unglaublich.

und was auch gut ist und war, sind meine vielen besuche auf einem ganz schönen spielplatz bei uns um die ecke. er ist nicht wirklich besonders, einfach auch ziemlich überfüllt. aber sehr klein und schön. und dadurch dass wir einfach immer da sind, wirklich fast jeden tag, gucken die leute eben einfach gar nicht mehr komisch. sie kennen alle lola, sie hat ihre speziellen freunde, die immer zu uns kommen. und darüber habe ich einfach schon unglaublich nette frauen kennegelernt, die ich sonst selber vielleicht nie angesprochen hätte. und das thema down-syndrom erwähne ich natürlich immer mal, vor allem zu beginn einer neuen bekanntschaft. aber lange thema war das eigentlich nie, höchstens ein netter einstieg ins gespräch. die leute, die immer noch komisch gucken, oder irgendwie mitleidig, naja, von denen weiss ich, dass ich dann eben nicht so viel zu halten habe. denn irgendwie sagt das doch eine ganze menge über menschen aus, wie sie mit dem thema down-syndrom umgehen und wie sie auf lola zugehen. einen besseren indikator dafür, wie ein mensch in sich ruht, gibt's gar nicht. vielleicht bin ich dem ein oder anderen auch ungerecht gegenüber, aber aus ganz egoistischen gründen halte ich mich lieber an die menschen, die offen, interessiert oder einfach nur herzlich sind. und habe die anderen bis jetzt noch nicht vermisst.

oups, das war jetzt aber lang. jetzt gibt's bei uns mittagessen. buletten und ofenkartoffeln, mmh, ricardo kocht mal wieder. ich wünsche euch einen ganz schönen tag,

liebe grüsse,
amelie

Gabriela hat gesagt…

Liebe Amelie
dein Beitrag vom Freitag ist mir beim Lesen eben wie ein Weiterspinnen meiner Gedanken und deines Kommentares vorgekommen, deshalb habe ich dich gefragt. Ich freue mich ganz fest, wenn so ein "interbloggensiver" Dialog entstehen kann! :-)

Mich hat von Anfang weg (ich lese deinen Blog fast seit dem Beginn mit) die Stimmung fasziniert, welche von den südländischen Menschen um Lola herum ausgeht. Ich weiss gar nicht recht, woran das liegt, dass das auch im Blog so stark rüberkommt. Was du zeigst, wirkt immer warm, natürlich, wohltuend normal und herzlich, Lebensfreude pur, absolut unabhängig von Chromosomenzahlen oder anderen (Be)rechnungen.
Das tut unglaublich gut!

Was du von den Spielplatzbegegnungen schreibst, kenne ich zum Glück auch ganz gut. Zwar ist es bei uns nicht der Spielplatz, sondern ein ganz toller Dorfladen, wo wir fast täglich einkaufen.
Ich werde darüber später noch berichten.

Liebe Grüsse von Herbst zu Herbst, auch an die liebevolle Puppenmutter. Sag ihr einen Gruss, und ich wisse sehr gut, wie anstrengend es ist, fünf Kinder gleichzeitig ins Bad (und wieder heraus) zu bekommen! Hat sie den Tonfall von mir?

Gabriela hat gesagt…

PS: Freitag war Samstag