Donnerstag, 6. November 2008

Da!

Lola nimmt die Creme in ihre Hand, streckt sie mir entgegen und sagt: 'Da!' Guckt mich auffordernd an und nochmal 'Da'. Leise und etwas zögerlich, aber doch nochmal 'Da'. Und ich strahle sie an. 'Ja, Lola, die Creme. Creme.'

Und sie dreht sich blitzschnell um, auf der Wickelkommode liegend, und flups, ist die Creme runtergefallen. 'Lola, deine Creme ist runtergefallen. Wo ist sie denn?' Hebe sie auf und gebe sie ihr wieder. Und flups, ist die Creme wieder runtergefallen. Etwas ungeschickt heute, die kleine Lola. Hebe sie nochmal auf, gebe sie ihr. Und flups, fliegt die Creme wieder runter, diesmal mit Schwung. Und Lola schaut mich auffordernd an... Aussenstehende würden sich vielleicht ärgern, so ein ungezogenes Kind. Und ich? Ich strahle und kann es kaum glauben, freue mich so. Verrückte Mama, die sich freut, dass ihr kleines (noch-nicht)-Krabbelkind die Sachen von der Wickelkommode wirft. Wenn die wüssten...


Willentlich etwas loszulassen ist nach Frau Sammler, unserer Frühförderin, ein wichtiger Bestandteil des Inhalt-Behälter-Spieles und auch des Bitte-Danke-Spieles, was die knapp Einjährigen ja gerne bis zur Erschöpfung ihrer Eltern spielen. Das Kind fängt an, diese Spiele zu spielen, wenn es verstanden hat, dass die Dinge eine eigene Existenz haben, auch wenn man sie gerade mal nicht sieht oder in der Hand hält. Damit experimentiert es dann. Ich krieg sie zurück, wenn ich sie der Mama oder dem Papa gebe (aber nicht, wenn ich sie der grossen Schwester gebe). Sie verschwinden in einem Behälter, aber man kann sie da auch wieder rausholen. Sie machen ein lautes Geräusch beim Aufschlagen auf dem Boden, je nach Gegenstand ein anderes, und Mama holt sie dann wieder (am Anfang zumindest). Ein kleiner, neuer Schritt zum Verständnis unserer Welt wird vollzogen, in immer neuen Versuchen aufs Neue getestet, mit einer Akribie, die so manchem Wissenschaftler abgeht. Na, ich bin gespannt, wann Lola zum ersten Mal etwas in einen Behälter hineinsteckt. Bis jetzt räumt sie nur die Dosen aus, Kastanien, Korken, Deckel, bis keiner mehr da ist und sie in einem Meer aus Krimskram versinkt...

Und beim Abendessen wieder 'DA' und sie streckt mir den Löffel entgegen. 'Der Löffel, Lola, der Löffel'. Endlich!!! Wie anders ist es doch, zu einem Kind zu sprechen, was Verstehen signalisiert. Ihre interessierten Blicke von vorher haben mich doch selten dazu gebracht, so oft den Namen einer Sache zu wiederholen wie dieses klar, auffordernde 'DA'. Frau Sammler meint, dass bedeute, dass sie verstanden hat, dass die Dinge einen Namen haben. Und den will sie wissen. Naja, man kennt es ja zu gut von den Knirpsen, die mit ausgestrecktem Finger durch die Gegend laufen und die Namen aller Dinge wissen wollen. Ausgestreckt hat Lola ihren Finger zwar noch nicht, auch wenn Frau Sammler das schon gesehen haben will, aber weit ist es wahrscheinlich nicht mehr.

Sie ist in den letzten Tagen überaus interessiert an ihren Fingern. Schaut sie sich ganz intensiv und alle einzeln an. Biegt sie, bewegt sie, macht eine Faust, streckt nur den Daumen hoch. Ob sie durch meine Gebärden zusätzlich sensibilisiert wurde? Auf jeden Fall scheint sie sowohl mit den Fingern als auch mit Zunge und Lippen zu immer feineren Bewegungen fähig zu sein. Frau Sammler sagte, diese Parallelität sei kein Zufall, denn im Gehirn lägen die Areale, die in die Produktion von Sprache und die Bewegung der Hände involviert seien, sehr eng beieinander.


Im grobmotorischen Bereich hat Lola dafür grad einen echten Durchhänger. Sie robbt nur noch, wenn was total neues, aufregendes auftaucht. Ansonsten kräht sie lieber und ruft nach ihrer grossen Schwester. Oder, eine neue Technik, sie 'schuckelt' sich vorwärts, so in etwa wie eine Robbe. Was auf unserm glatten Dielenboden auch super klappt. Ich hoffe, das ist nur ein Übergang zum Krabbeln und keine Dauerfortbewegungsform. Denn optimal wären wohl Bewegungen, die immer überkreuz gingen. Warum eigentlich? Ach ja, weil man für's Laufen auch so eine Überkreuzbewegung braucht, die also schon vorher lernen sollte. Aber davon sind wir noch weit entfernt.

Aber ich wäre wirklich, wirklich glücklich, wenn sich Lola hinsetzen würde. Denn da kann man viel besser spielen, mit zwei Händen. Aber sie nimmt sich Zeit und wir geben sie ihr, setzen sie also noch nicht hin, denn die Physiotherapeutin sagte, dass solle man auf gar keinen Fall tun, das führe zu Haltungsschäden. Und so lass ich Lola ihre Bauchlage, biete ihre weiter flache Behälter zum rausnehmen und hoffentlich bald auch reintun an und freue mich, dass sie plappert und mit Sachen um sich wirft. Der Rest wird schon kommen.


Zur Zeit ist sie ohnehin etwas angeschlagen, ein kleiner fieberhafter Infekt liegt hinter ihr, erstmals in ihrem Leben war sie wirklich äusserst quengelig bis unerträglich. Ich bin bei ihrem sonnigen Gemüt wirklich nichts gewöhnt. Plötzlich den ganzen Tag ein weinendes Kind zu haben, ohne jeden Grund und Anlass, ist eine ganz neue Erfahrung mit Lola. Aber, optimistisch wie ich bin, denke ich, dass sich da ein neuer Entwicklungsschub ankündigt. Gerade in Phasen grosser Veränderungen werden die Kinder ja besonders oft krank. Und kaum wieder genesen, schlüpft so manches Küken aus dem Ei.


Manchmal habe ich heute aber auch gedacht, dass sie vielleicht in der Fremdelphase ist. Kaum bin ich aus dem Raum, ist das Geschrei gross. Ich 'durfte' noch nicht mal die Wohnung aufräumen, ohne dass sie anfing zu schimpfen, zu rufen, 'nananananana', bis ich wieder um die Ecke schaute, da war die Freude gross. Als ich gar versuchte, mal ein bisschen Sauberkeit in die Bude zu bringen und sie kurz beim Papa auf dem Schoss parken wollte, ist sie in herzzerreissendes Schluchzen ausgebrochen. Was nur an der Brust gestillt werden konnte. Den Rest des Tages hat sie dann einfach nicht mehr geschlafen, um mich ja nicht aus den Augen zu verlieren. Zu guter Letzt ist sie dann vorhin in einen komatösen Schlaf gefallen, ich hoffe, der hält die ganze Nacht, denn die letzten Nächte waren für meinen Geschmack doch viel zu unruhig....

Kommentare:

Julia hat gesagt…

Hallo Amelie,

ja, ich muss zugeben, dass ich auch heilfroh war, als Eddy sich alleine hingesetzt hat. (Ich glaube er war ca. 1,5 Jahre alt.) Irgendwie kam mir das wie eine sehr große Erleichterung vor. Eddy robbt seit er 14 Monate alt ist und krabbelt seit dem ca. 22. Monat. Und jedes Mal ist man ein Schritt weiter, auch wenn die Abstände manchmal riesig erscheinen und man denkt, dass Kind wird sein Leben lang robbend verbringen.. Bei Bruno ging das auch alles so wahnsinnig schnell, dass wir es kaum wahrgenommen haben. (Mit 8 Monaten ist er gekrabbelt und mit 9,5 Monaten gelaufen und schon war er für mich kein Baby mehr...) Eddy wird mein Baby bleiben, bis "Nr.3" da ist, vermute ich mal und irgendwie ist es, trotzdem er (und ich auch!) immer schwerer wird/werden und ich ihn nicht mehr lange tragen kann, schön so wie es ist... LG, Julia

amelie hat gesagt…

ja, julia,
das mit dem grossen baby hat was. irgendwie aber auch schön... wenn ich daran denke, dass ich greta schon mit zarten 8 monaten zur tagesmutter
gebracht habe. nein, die lola, die geb ich so schnell nicht her....

wenn bei euch nr.3 ankommt, wirst du wahrscheinlich merken, wie gross eddy eigentlich schon ist.
- grosser bruder eddy. kannst du dir das schon vorstellen? wie schön, der gedanke.
herzliche grüsse,
amelie

Gabriela hat gesagt…

Liebe Amelie
wieder das Erleben, dass unsere beiden Mädels an sehr ähnlichen Punkten dran sind, auch wenn sich Mirjam schon aufsetzt.
Ich beneide euch um eure Frau Sammler. Genauso hatte ich es mit allen Kindern gemacht: Gewartet, bis sie sich selber hinsetzen konnten. Und nun, bei Mirjam, hiess es plötzlich, es sei für ihre kognitive Entwicklung wichtig, dass sie auch aus der Sitzposition heraus spielen kann. Gut, da war sie bereits ein Jahr alt, aber trotzdem, ich war enttäuscht. Ich hätte ihr diese Zeit gerne gegönnt. Ich war damals auch noch nicht so vernetzt und informiert wie jetzt, war noch viel mehr bauchig an der Sache dran, bis dann die Geschichte mit der pulmonalen Hypertonie kam, die Aussicht auf den Herzeingriff. Erst da begann ich mich wirklich zu informieren. Erst da ertrug ich es auch, mich diesen Themen zu stellen.
Naja. Auch das gehört zu unserem Weg. Mirjam war heute jedenfalls ein Goldstück, ganz unabhängig von allen Entwicklungsschritten. Mit diesem Bild gehe ich jetzt schlafen!
LG, Gabriela

amelie hat gesagt…

liebe gabriela,

der hinweis, lola nicht hinzusetzen bevor sie es nicht selber kann, kommt allerdings nicht von frau sammler. die setzt lola sogar öfters mal hin, damit sie besser mit zwei händen spielen kann, allerdings immer gestützt. ich sage dann aber immer, dass sie das auch im ellebogenstütz oder im seitlichen stütz ganz gut kann.

der ansatz, abzuwarten und nicht von aussen in die autonome bewegungsentwicklung einzugreifen, ist eher inspiriert von emmi pikler. an deren ideen hab ich mich schon orientiert als greta ganz klein war. naja, bei ihr brauchte ich nicht lange zu warten, die ist schon mit 6 monaten gekrabbelt und hat sich selber hingestellt, aber ich hab ihr nie geholfen, sie nie gestützt, sie immer ihr ding machen lassen. bei lola muss ich nun ein bisschen mehr geduld aufbringen, aber ich mache es nicht anders und der artikel von monika aly in der letzten 'Leben mit Down-Syndrom' bestärkt mich darin.

Du hast ja auch noch immer alle Möglichkeiten, Mirjam ihr Tempo zu lassen und auf ihre eigene Initiative zu vertrauen, was das krabbeln, aufstehen und gehen lernen angeht. Man muss den Kindern halt immer viele Anreize geben, die neue Bewegungsart auch auszuprobieren, sprich andere Ebenen, niedrige Tischchen oder Kisten, nicht an den Händen fassen bei den ersten Schritten, etc.

Und auf das Bauchgefühl zu vertrauen, ist noch nie das schlechteste gewesen.

Liebe Grüsse,
Amelie