Samstag, 17. Oktober 2009

Zeitreise

13 Jahre war ich alt, als die Mauer fiel. Drei Tage später hatte mein Berliner Opa einen Herzinfarkt, so sehr hatte ihn das bewegt. Wir fuhren zu seiner Beerdigung nach Berlin, gingen durch überfrorene Strassen im Stadtteil Neukölln-Britz, wo meine Mutter ihre Kindheit und Jugend verbracht hat und klopften Steine von der Mauer am Brandenburger Tor. Nena sang 'Wunder geschehen' und ich hatte eine Fönfrisur ...



Sooft ich in meiner Kindheit in West-Berlin gewesen war, kam ich erst mit 17 zum ersten Mal in den Osten, das war 1993. Ich war mit einer Freundin nach Berlin gefahren, um mir die Uni anzuschauen. Wir schlichen durch die langen Gänge der Humboldt-Uni, überall roch es nach Erbsensuppe. Dann fuhren wir in den Westen zum Ku-damm und saßen in einem viel zu schicken Cafe am Savigny-Platz. Auf der Suche nach einer netten Kneipe schickten uns ein paar Studenten in den Osten, ins Cafe Moskau. Nach einer dreiviertel-Stunde Fahrt stiegen wir an der baufälligen S-Bahn-Haltestelle Friedrichstrasse aus, nur schwach leuchtende Gasleuchten an den windigen Ecken, wir irrten über die Karl-Marx-Allee, brauchten 5 Minuten, um die Strasse zu überqueren, liefen lange immer nach Osten, bis wir zu dem erwünschten Ort kamen. Geschlossene Gesellschaft, nur für Besucher eines MTV-Events.

Wir waren am falschen Ort, in der falschen Stadt. Vorzeitig brachen wir unseren Besuch ab und fuhren wieder zurück nach Hause, nach Wuppertal. Mein Studium habe ich 1995 in Bonn angefangen.

Mit einer Kommilitonin fuhr ich 1996 nochmal nach Berlin. Wir wohnten bei ihrem Cousin in Neukölln. Am Vortag hatten sie in der Pizzeria in seinem Haus einen Türken erschossen. Wir liefen durch Mitte, kamen am Tacheles vorbei und durchtanzten die Nacht im Delicious Doughnuts, einem bunten schmuddeligen Club mit Easy Listening Musik der 60er Jahre.




Als ich im Jahr drauf mit einer anderen Freundin nach Berlin fuhr, wohnten wir im Osten, in Prenzlauer-Berg. Wir hörten Dire Straites, weil ihr Freund das liebte. Und wenn wir nachts aus dem Fenster schauten, konnten wir hinter den beleuchteten Fenstern der gegenüberliegenden Häuser den Leuten bei ihrem Leben zuschauen. Gardinen hatte fast niemand. Ein Pärchen ging ins Bett und liebte sich. Die Luft roch nach Kohle, denn es war noch kalt. Tags liefen wir durch Prenzlauerberg, tranken Kaffee am Kollwitz-Platz, in einem Laden voller Figuren aus Pappmaché, liefen durch die ersten Galerien in Mitte. Wir trafen einen alten Freund, der im Friedrichshain wohnte, als einziger Mieter eines Hauses. Beim Betreten des Hauses musste er aufpassen, dass er nicht Möbel auf den Kopf bekam, denn die anderen Wohnungen wurden entrümpelt. Auf den Strassen konnte man finden, was man brauchte. Die Leute zogen sich an, was sie wollten. Niemand guckte. Da wusste ich, dass ich auch nach Berlin wollte.



Und da kam ich auch hin, zum Studium, im Herbst 1998. Ich konnte bei einem Freund am Ostkreuz wohnen. Als ich dort abends mit einem schweren Koffer aus der S-Bahn ausstieg, suchte ich ein Taxi. Aber da waren nur dunkle Strassen mit Kopfsteinpflaster und niemand auf der Strasse. Ich suchte eine Wohnung und fand eine im Friedrichshain, in der Mühsamstrasse. Benannt nach Erich Mühsam, dem Dichter. Ich hatte eine Außenklo mit einer kleinen Gasheizung, damit die Rohre im Winter nicht einfrieren. Meine Dusche war in der Küche und die Dielen mit Ochsenblut gestrichen. Die Wände waren orange gewischt, und ich schaute auf das Frankfurter Tor. Nie wieder war ich so bei mir, wie in dieser Wohnung. Tagsüber studierte ich an der Humboldt-Uni und freitags ging ich in die Freitagsbar, im Keller eines leerstehenden Hauses, nur die Teelichter im verwucherten Hinterhof verrieten die Eingangstür. Mein damaliger Freund, ein Franzose, wohnte in Kreuzberg, und er heizte im Winter oft nicht, weil er kein Geld hatte. Wir saßen im Fellmantel in der Küche und tranken Bier aus Dosen. Wenn wir Hunger hatten, gingen wir zu einem Argentinier in Mitte, der kochte in einem Weinladen, und man musste soviel zahlen, wie es einem wert war.




Als ich im Mai 2001 war mit meinem Studium fertig, musste ich auch aus meiner Wohnung in der Mühsamstr. raus. Das Haus wurde saniert. Ich bekam 800 Mark Abfindung und den Umzug bezahlt. Ich fand eine Wohnung in Kreuzberg, schliff die Dielen ab, strich die Wohnung. Saß darin für ein paar Wochen und war unglücklich. Nach dem Sommer packte ich meine Koffer, vermietete die Wohnung an einen Studienkollegen und fuhr mit dem Zug nach Italien. Dort habe ich Ricardo kennengelernt und ein neues Kapitel begann....


Oft bin ich wieder mal nach Berlin gekommen. Aber die Luft in den ersten Wintertagen hat nie mehr so nach Kohle gerochen, die Bars in den verlassenen Häusern sind verschwunden, Friedrichshain ist voller Coffee-Bars und Touristen. Und doch gibt es da noch das Conmux, die Blechbilderbar, wo ich mit meinem damaligen Freund, dem armen Franzosen, meine erste schüchterne Verabredung hatte, und er mir einen Teller voller Zwiebelsuppe über die Hose geschüttet hat. Und die Leute in Friedrichshain ziehen sich immer noch an, was sie wollen, auch wenn das mittlerweile schick so ist.

Heute bin ich mit meinen beiden kleinen Mädels, die von all dem gar nichts wissen, zu meinem Bruder nach Friedrichshain gefahren, dem 'Onkel Nick'. Er wohnt da noch immer, seit 1998. Und ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich eigentlich nie aus Berlin weggegangen bin, dabei ist es jetzt schon 8 Jahre her.

Vorhin hab ich mich nach Jahren mal wieder mit einem alten Freund verabredet, der morgen im Prenzl-berg seinen Geburtstag feiert. Als wir enger befreundet waren, hatte er mir eine Mix-Kassette geschenkt, auf der sangen Tocotronic 'Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht'. Was ich damals schon sehr alt fand, denn er war zwei Jahre älter als ich. Als er mich vorhin am Telefon verabschiedete, wünschte er mir 'einen schönen Abend und viel Spass.' Ich musste lachen. Ich hier zuhause mit meinen beiden Mädels, die schlafen. Meine Eltern sind unterwegs, Onkel Nick und Tante Verena auch, Ricardo in Spanien. Vielleicht brauche ich doch mal öfter einen Babysitter...




Eigentlich fehlt mir nichts. Wenn mich jemand fragt, geht es mir gut, wirklich. Und doch, irgendwo ist da ein Sprung zwischen diesen Bildern in meinem Kopf und meinem Leben jetzt, heute, in Leipzig. Ich will das Bild in meinem Kopf wieder zusammen kriegen, dieses Lebensgefühl und meinen Alltag heute. Oder bin ich einfach nur nostalgisch. Weil Herbst ist und ich den Geruch von kalter Luft so liebe....

Kommentare:

Ella hat gesagt…

Du schreibst einfach großartig.

Jetzt schau ich aus dem Fenster des -immerhin- verratzten Altbaus in Berlin und wünschte, ich hätte diese Stadt schon kennengelernt, als noch nicht gutverdienende Familien 1000 Euro Belohnung für eine Wohnung im Prenzlauer Berg ausschrieben...

Kerstin Meeresschutz hat gesagt…

Das ist total toll geschrieben - und nach ner Woche in meiner alten Heimat Köln finde ich mich darin wieder...
diese Diskrepanz zwischen dem Leben vor und dem Leben mit Kindern wird bei mir weniger, je größer die Kinder und je unabhängiger ich wieder werde - nun kommt schon ab und an der nostalgische Blick auf die Kleinkindzeit... "als ich noch den Kinderwagen schob"...

... Ohja, an den Kohlegeruch in Berlin erinnere ich mich auch gut...

Herzliche Grüße von der Nordsee
Kerstin